Literarischer Streifzug Nr. 101: Jens Bisky im Gespräch mit Jürgen Kaube und André Kieserling über "Die gespaltene Gesellschaft"

Jürgen Kaube, André Kieserling, Jens Bisky (c) Fotos: F.A.Z. Frank Röth, Julian Belz, Bernhard Link, Farbtonwerk

 

Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht in Talkshows und Zeitungen gefragt wird, was unsere Gesellschaft – noch – zusammenhält. Ob Arm gegen Reich, Ost gegen West, Land gegen Stadt, Jung gegen Alt oder der anhaltende Streit über Identitäts-, Glaubens- oder Genderfragen: Die gesellschaftliche Spaltung erscheint als ein Signum unserer Zeit.

Jürgen Kaube und André Kieserling gehen dieser Diagnose auf den Grund: Schrumpft die Mittelschicht wirklich, und wie stellt man überhaupt fest, wer zu ihr gehört? Wenn das islamisch dominierte Viertel in Berlin-Neukölln eine Parallelgesellschaft ist, muss dann nicht auch das Villenviertel im Grunewald so bezeichnet werden? Waren frühere Gesellschaften tatsächlich stärker integriert, oder herrschten dort nur andere Konflikte und Ungerechtigkeiten? Die Gesellschaft, so kann man sagen, besteht wesentlich aus Ungleichheiten; gefährlich aber wird es, wenn Ungleichheit zu immer stärkerer Polarisierung, zu einem permanenten Gegeneinander führt. Was also ist nur mediales Gerede, und wo drohen echte Zerreißproben?

Jürgen Kaube und André Kieserling sorgen mit ihrem Buch in einer unübersichtlichen Lage für Orientierung – und liefern nichts weniger als eine schlüssige Deutung unserer gesellschaftlichen Gegenwart.

Jürgen Kaube, geboren 1962, ist Herausgeber der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung». Zuvor leitete er dort das Ressort Geisteswissenschaften und war stellvertretender Feuilletonchef. 2012 wurde er vom «medium magazin» als Journalist des Jahres im Bereich Wissenschaft ausgezeichnet, 2015 erhielt er den Ludwig-Börne-Preis. Seine Max-Weber-Biographie (2014) wurde viel gelobt; über den Bestseller «Die Anfänge von allem» (2017) schrieb die «Süddeutsche Zeitung»: «ein ungemein lesenswertes Buch», «unfassbar interessant». «Hegels Welt» wurde mit dem Deutschen Sachbuchpreis 2021 und als Sachbuch des Jahres ausgezeichnet.

Jens Bisky, geboren 1966 in Leipzig, studierte Kulturwissenschaften und Germanistik in Berlin. Er schrieb für die «Berliner Zeitung» und war lange Jahre Feuilletonredakteur der «Süddeutschen Zeitung». Seit 2021 arbeitet er am Hamburger Institut für Sozialforschung. Zudem ist er Autor mehrerer begeistert aufgenommener Bücher, darunter «Geboren am 13. August. Der Sozialismus und ich» (2004), «Die deutsche Frage. Warum die Einheit unser Land gefährdet» (2005) und „Berlin. Biographie einer großen Stadt“ (2019). 2017 wurde Bisky von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung mit dem Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay ausgezeichnet.

André Kieserling, geboren 1962, studierte Philosophie und Soziologie in Frankfurt am Main und Bielefeld, 2001 erhielt er eine Professur an der Universität Mainz. Seit 2006 ist er Professor für Allgemeine Soziologie an der Universität Bielefeld. Kieserling gilt als einer der bekanntesten Weiterentwickler der Systemtheorie Niklas Luhmanns.

 

„Die gespaltene Gesellschaft“ ist am 18. Oktober 2022 im Rowohlt Berlin Verlag erschienen, 288 Seiten

 

Literatur LIVE

Tobias Hackel

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