FSJ-Kultur Blog 2025/26

Herzlich Willkommen auf dem FSJ-Kultur Blog! In diesem Jahr werde ich, Caspian, den Blog weiterführen. Alle Bilder, die ich hier poste, habe ich selber aufgenommen. Wenn ihr mir Kommentare, Ideen oder auch wissenschaftliche Theorien zukommen lassen wollt, schreibt mir doch gerne unter fsj-pr(at)renaissance-theater.de!

04.02.2026: Abend, und Abend, und dann wieder Abend…

Natürlich gibt es ein paar Kultklassiker, die man gern fünfzigmal besucht, aber normalerweise geht man einmal pro Stück ins Theater. Wenn ich ins Theater gehe, dann ist mir schon irgendwie klar, dass es nicht immer genau so abläuft wie an diesem Abend – so richtig verstehen kann man das allerdings erst, wenn man mehrere Tage hintereinander im gleichen Stück sitzt.
Diesen Januar war ich bei den meisten Vorstellungen von DI•VI•SI•ON, einem One-Woman Science-Fiction Stück von Katja Riemann und Paula Romy, für die englischen Untertitel zuständig – heißt, ich saß mit dem Laptop in einer Parkettloge und bin zum jeweils richtigen Zeitpunkt zur nächsten Folie einer Power-Point Präsentation gesprungen. An fünf Tagen. Das klingt erstmal nach Mini-Endlosschleife, aber es war jeden Abend anders, und immer unvorhersehbar…

Der Ausblick von der Loge, kurz vor Einlass

16. Januar

Das Licht im Saal geht aus, der Vorhang öffnet sich. Nebel zieht durch das pink bestrahlte Bühnenbild, und der Saal wird erfüllt von pulsierender Musik. Mein rechter Zeigefinger schwebt klickbereit über der rechten Pfeiltaste. Ich bin so aufgeregt, dass während des Einlasses nur Atemübungen helfen konnten.
Die Vorstellung läuft – glaube ich – gut. Genau kann ich das nicht beurteilen, denn ich starre konzentriert bis gestresst auf den Laptop, scanne die aktuelle und die nächste Folie nach Schlüsselwörtern, und versuche, mich darauf einzustellen, bei Textsprüngen nicht panisch zur richtigen Folie zu hetzen. In der zweiten Hälfte bin ich ein bisschen reingekommen – trotzdem bin ich nach der Vorstellung ziemlich fertig. Wer hätte gedacht, dass eine PowerPoint weiterklicken so stressig sein kann.

17. Januar

Ich finde mich wieder eine Stunde vor Einlass in meiner Untertitel-Loge ein, um nochmal alles zu überprüfen. Obwohl ich mir ein paar Stunden zuvor den einzigen Finger eingequetscht habe, den ich eigentlich für diese Aufgabe brauche. Das kann mich natürlich nicht bremsen. Es ist Samstagabend – das Haus ist voll besetzt, die Stimmung noch besser als gestern.
Das Saallicht geht aus, der Vorhang auf, und die Musik an. Ich bin viel besser auf alles vorbereitet – zwar habe ich bei den Wiederaufnahmeproben schon einen ganzen Durchlauf begleitet und untertitelt, aber die Erfahrung des letzten Abends ist unverzichtbar. Ich kann die abgespielten Videos besser abschätzen, weiß, wo die englische Syntax den Satz leider komplett umdreht, und, wo ich auf einen eventuellen Textsprung aufpassen muss. Was diesen Abend dann tatsächlich kein Thema ist.

Ich kann auch die Publikumsstimmung besser wahrnehmen. Lacher sind lauter und länger, und die Atempause nach einer Tanzeinlage nutzt das Publikum für einen spontanen Applaus. Leider lacht auch heute Abend niemand über einen Witz, der mir immer auffällt: Seraphina übt ihre Dankesrede für den Europäischen Wissenschaftspreis und zählt dabei eine lange Liste an Adressaten auf. „Meine Damen und Herren, geladene Gäste, lieber Vorsitzender, my dear Mr. Singing Club…“ (eine komplett zweckentfremdete Übersetzung von „Mein lieber Herr Gesangsverein“). Das ist inzwischen eine meiner Lieblingsstellen geworden.

18. Januar

Sonntag, 16.00 Uhr. Nachmittagsstimmung.
Das Saallicht geht aus, das Spiellicht an, und ich fühle mich ziemlich sicher in meiner dunklen, vollkommen mit weichem Samt ausgekleideten Loge. Es gibt ungemütlichere Orte, um einen Sonntagnachmittag zu verbringen.
Alles läuft mehr oder weniger nach Plan, ich tanze so gut ich kann zu der Musik im Stück mit, und versuche, mich nicht bei den kleinen Textsprüngen in den Folien zu verhaspeln. Auch heute versucht das Publikum, nach der gleichen Tanzeinlage wie gestern zu klatschen, ist aber nur halb erfolgreich. Ansonsten scheint das Publikum ein bisschen entspannter als gestern Abend. Nichtsdestotrotz wird fleißig gelacht und applaudiert.

20. Januar

Ein Tag Pause hat mit Erholung auch Müdigkeit gebracht, zumindest bei mir.
Saal aus, Vorhang auf. Unglaublich dicker Nebel. Ich fühle mich leider ein bisschen zu sicher und muss an diesem Abend aufpassen, nicht mit den Gedanken abzuschweifen. Manchmal spreche ich schon lautlos mit.
Doch an diesem Abend höre ich den ersten lauten Lacher über „My dear Mr. Singing Club“ und freue mich, als hätte ich den Witz selbst geschrieben.

21. Januar

Das ist die vorerst letzte Vorstellung im Januar, die ich untertitle. Die nächsten Tage habe ich immer etwas für ein Musical in meiner Kirchengemeinde zu tun – die Vorfreude darauf schwappt schon auf diesen Abend über.
Dunkel wird’s, der Laptop scheint helle, Nebel wabert durch das pinke Bühnenbild… Ich bin diesen Abend konzentrierter dabei. Fast ohne Patzer – zu schnell zur nächsten Folie springen – schaffe ich es durch die Vorstellung, fühle bei Que Sera, Kontrollverlust und Alors on danse mit, und kann inzwischen ganze Abschnitte auswendig.
Als das Publikum nach der Vorstellung den Saal verlässt, höre ich Menschen, die Englisch sprechen, und eine Zuschauerin, die sagt, dass sie manchmal bei den Untertiteln mitgelesen hat. Mit einem kleinen Lächeln klappe ich den Laptop zu und fühle mich wieder mehr im Theater angekommen.

Auch wenn ich jetzt dasselbe Stück fünfmal hintereinander gesehen habe, ist es nicht langweilig geworden. Ich glaube sowieso fest daran, dass gute Filme, Serien, Bücher oder Songs immer besser werden, je öfter man sie schaut, liest oder hört. Auch wenn man vielleicht nicht so überwältigt ist wie beim ersten Mal, kann man immer neue Lieblingsstellen entdecken. Das Mitsprechen, das Mitfühlen von Liedern, das Nachdenken über Textstellen, die man erst jetzt richtig versteht – all das hat jeden Abend von allen anderen unterschieden.

Wer weiß, was mir alles beim nächsten Vorstellungsblock im Februar auffallen wird?

05.12.2025: Lichtblicke

Mitte November, früher Nachmittag. Ich sitze im Büro vom Kartenvertrieb (einmal um die Ecke vom Theater, in der Goethestraße) und wundere mich, warum es auf einmal so dunkel ist. Immer noch in hoffnungsvoller Ignoranz google ich „sonnenuntergang berlin heute“ und seufze. 16.29 Uhr sagt wetter dot com. Es ist 16.18 Uhr.

Ich erhebe mich von meinem Stuhl, schalte das Licht – einen charmanten kleinen Elektrikkerzenleuchter – an, und bereite mich mental auf den schlimmsten Monat im Jahr vor. November. Die Bäume sind nach anderthalb Wochen braun bis kahl, die Tage werden rasant kürzer und dunkler aber mit Lichterketten wird sich noch zurückgehalten, es schneit nicht, regnet vielleicht ein paar Mal. November ist einfach nur dunkel, kalt und zermürbend unspektakulär.
Deswegen habe ich hier ein paar Lichtblicke, Eindrücke von Licht im Renaissance-Theater, gesammelt.

Lampen im Kopierraum

Mein neuer Favorit sind die Wandleuchter im Kopierraum der Verwaltungsetage (in der Knesebeckstraße). Eine etwas edler und ordentlicher aussehende Version davon erhellt den Gang zu den Büros, aber über der Frankiermaschine ist das Aussehen nicht so wichtig. Die elektrischen Kerzen stecken etwas schief in ihren Haltern, und die kleinen goldgelben Lampenschirme sitzen auf den Plastikflammen. Einer davon fehlt. Von den Kerzenhaltern hängen große durchsichtige Steine, die dem ganzen noch mehr Anmut verleihen. Einer davon hängt vor einem goldgestrichenen Kabel. Die Lampen sind klein, fein, ein bisschen schräg und strahlen doch Wärme aus. Mehr kann man nicht wollen.

Tischlampen im Bruckner-Foyer

Die türkisblauen Wände, die deckenhohen Spiegel und das kühle Arbeitslicht eines einzigen Scheinwerfers lassen das Bruckner-Foyer tagsüber wie ein überlebensgroßes Aquarium erscheinen. Ich bin dabei, mich mit dem Raum und dem Arbeitshandy vertraut zu machen, um das Adventskranzschmücken zu dokumentieren. Die Idee, die kleinen Tischlampen einzuschalten, kommt mir erst relativ spät, aber der Effekt ist magisch: Die kleinen weißen Schirme sehen aus wie Quallen, die durch das Aquarium schweben.

Außenbeleuchtung im Innenhof

Der Innenhof des Theaters ist sowieso schon eine verwirrende Erscheinung. Ein Ort, der sich nicht zwischen drinnen und draußen entscheiden kann – umzingelt von beigen Wänden, vollgestellt mit Leitern und Gerüsten, man schaut nach oben und ist überrascht, dass man sich tatsächlich unter freiem Himmel befindet. Aber dann sollte es dunkel draußen sein. Doch ein einziges kaltes Licht hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Sonne zu ersetzen und ist phänomenal gescheitert. Alles ist sichtbar, zu sichtbar vielleicht, die Schatten zu definiert, die Farben zu blass, ein Licht, das zu weißen Decken und Linoleumböden passt aber hier zum eigenen Himmelskörper wird. Unwirklich, das beschreibt es.

Bis jetzt das beste Bild vom Innenhof, das ich habe. Der ist gar nicht so einfach zu fotografieren.

Kronleuchter im Scheinwerferlicht

Vor Vorstellungsbeginn ist der Kronleuchter im Saal der Star des Theaters, mit hunderten kleinen Glassteinen, die von Metallstreben und -bäumchen hängen. Er ist beeindruckend, filigran und strahlt mit Licht auch Wärme aus – viel interessanter finde ich ihn allerdings im Scheinwerferlicht, tagsüber, wenn er seinem Zweck nicht nachkommen kann. Das kalte Licht verfängt sich in den glitzernden Steinen, ein harter Kontrast zu dem schwarzen Metallgerüst. Der Kronleuchter, der am Abend wieder mit warmem Licht wie ein eigenes Sonnensystem erstrahlen wird, wirkt jetzt leblos und fremd.

Reflektion in der Eingangstür

Ich habe es „Geisterlicht“ getauft, die Reflektion des Kerzenleuchters in der Tür, hier in der Goethestraße. Gleich zu Beginn des Monats ist es mir aufgefallen und hat seinen guten Teil zu meiner Faszination mit Licht beigetragen. Der Kerzenleuchter spiegelt sich im Glas der Eingangstür, was vor allem wirkt, wenn es draußen schon dunkel ist. Dann schwebt das Geisterlicht in der Dunkelheit, etwas verschwommen, aber doch so detailliert, dass man meinen könnte, es hinge wirklich auf der anderen Seite der Tür.

geisterlicht, ich sehe dich
schimmern in der weißfarbschicht,
schweben in dem glasquadrat,
gleich neben dem glimmerlicht
der straßenlampe. frage mich,
ob sie auch gern hier drinnen wär
oder du da draußen.

Jetzt ist der November vorbei. Die Sonne geht um 15.55 Uhr unter, es ist noch kälter geworden, und der Berliner Winter hält sich wie immer mit Schnee zurück. Aber um jede Ecke, in jedem Kopierraum und in jeder kleinsten Reflektion warten Lichtblicke, die alles ein bisschen erträglicher machen. Man muss nur hinsehen.

30.10.2025: Hören sie, was ich schmecke? – Drei Tage Probebühne

Die Probebühne, unendliche Weiten zu laufen vom U-Bahnhof Richard-Wagner-Platz1. Wir schreiben das Jahr 2025. Dies sind die Abenteuer des FSJlers, der in Orte vordringt, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Na ja, außer die Schauspielenden. Und Regisseur:innen. Und Regieassistent:innen und Hospitant:innen und die Menschen von Kostüm und Requisite und Bühnenbild- gut. Vielleicht wart ihr, liebe Leser:innen, aber noch nicht da. Euch kann ich etwas Neues erzählen.

1 Der Laufweg von der U-Bahn zur Probebühne ist knapp 20 Minuten lang, in denen man sich mit wachsender Verwirrung fragt, ob man denn am richtigen Ort ist. Der letzte Wegabschnitt führt an Lagerhallen und Bürobauten entlang. Schließlich muss man in einen großen Parkplatz einbiegen, nicht von einem Van überfahren werden, was schwierig ist, wenn er 10 Minuten zum Wenden braucht und man erst ab Minute 5 versteht, wo er eigentlich hinwill, und dann nimmt man den Fahrstuhl zum 3. Stock.

Die Probebühne ist ein mehr oder weniger maßgetreuer Nachbau der Bühne in der Knesebeckstraße, und gerade bestellt mit dem Lattenskelett des zukünftigen Bühnenbilds. Davor ist ein Bereich mit Regietisch, Sofas, Umkleiden für die Schauspielenden. Daneben hat die Requisite einen Bereich, in dem alles von alten Büchern bis zu schicken Gläsern steht. Direkt in der Sichtlinie von meinem Platz am Tisch liegt ein riesiger Papp-Eselskopf, der mich bei den Leseproben aus einem Auge anstarrt. Beunruhigend.

Im „zweiten Stock“, der die Anführungszeichen verdient, weil er auf einem vertrauenerweckenden Metallgerüst steht, ist der Kostümfundus. Ins Auge fallen mir ein grellpinker Mantel mit Fellkragen, eine Kordhose, die leider besser aussieht als meine, und Reihen über Reihen an Schuhen. Angekommen bei der Probebühne bereiten Tuula (die Regiehospitantin) und ich die Verpflegung vor (Tuula kocht Kaffee, Tee, bereitet Snacks vor und stellt Wasserflaschen auf die Tische – ich trage die Tomaten zum Buffet). Bis zum Probenbeginn treffen Regieassistent, Menschen von Kostüm, Requisite und Bühnenbild, Souffleuse, Dramaturg, Schauspielende und Regisseur ein. Alle finden ihren Platz am Tisch, neben dem Tisch oder auf einem Sofa, und dann wird erstmal gelesen.

Gut die Hälfte der Probenzeit wird mit Lesen verbracht – vermutlich auch dem Stück, Oleanna, geschuldet, bei dem es auf jedes Wort ankommen kann. Ja, auch die Betonung von „Paradigma“ macht einen Unterschied für die Charakterisierung: Irgendwer weist darauf hin, dass John als Professor die altgriechisch korrekte Betonung benutzen sollte (Paradigma statt Paradigma, immer auf der drittletzten Silbe des Wortes – außer, die letzte oder vorletzte Silbe enthält einen langen Vokal. Na, wer hat gesagt, dass mir ein Graecum nichts bringt?). Es wird über Missverständnisse diskutiert, schlechte Übersetzungen werden korrigiert und dutzende „Sehen Sie- Hören Sie- Können Sie-“ gestrichen. Gerade der Professor John sagt öfter den Satz „Sehen Sie, was ich sage?“, woran sich der Schauspieler, Heikko Deutschmann, stört. In einem der Lesedurchläufe sagt er, als würde es im Text stehen: „Sehen Sie, was ich sage? Hören Sie, was ich schmecke?“ Ich bin erstmal verwirrt, ob ich auch das richtige Textbuch habe, dann klickt es bei mir (er betont die Verbindung von verschiedenen Sinnen: sehen-hören/hören-schmecken, für ähnlich lange Leitungen wie meine), und ab dann bin ich für immer verflucht bei Sehen Sie, was ich sage? zu lachen.

Irgendwann, wenn alle Wörter semantisch zerlegt und die Salzstangen aufgegessen sind, folgt eine kurze Mittagspause. Alle scheinen in andere Ecken der Probebühne zu verschwinden, gehen ihren Aufgaben nach oder besprechen nochmal den Text in einer kleineren Runde. All das bekomme ich kaum mit, denn ich bleibe in unmittelbarer Nähe des Regietisches und esse unauffällig mein Brot. Ich weiß nicht wirklich, wohin mit mir, und vor allem am ersten Tag fühle ich mich ein bisschen fehl am Platz. Alle kennen sich, arbeiten schon seit über einer Woche zusammen und haben ihre Aufgaben. Ganz beiläufig betrachte ich also zum hundertsten Mal das Bühnenbildmodell für „Extrawurst“, als hätte ich es gerade erst entdeckt.

Nach der kurzen Mittagspause geht es auf die Bühne. Als ich dabei bin, wird der zweite Akt geprobt, in dem die Studentin Carol auf einem Stuhl in 1,70 m Höhe sitzen soll. Ihre Schauspielerin Ivy Quainoo kommt nur mit einer Leiter nach oben – ratet mal, wie oft gewitzelt wird, jetzt einfach zu gehen und sie oben sitzen zu lassen. Von dort runterzuspringen ist nämlich nicht ganz ohne.

Nachdem der Text vorher gründlich durchgesprochen wurde, klappt das Spielen schon gut, zumindest aus meiner Sicht. Aber keineswegs sind die Szenen nach einem Durchlauf fertig – immer wieder wird neu gestartet. Dabei ist jede Wiederholung immer ein bisschen anders, vor allem Heikko Deutschmann hat im zweiten Akt viel Bewegungsspielraum. Mal nimmt er sich früher einen Stuhl, mal setzt er sich an einer anderen Stelle hin. Jeder Durchgang lässt den Text anders wirken, jede Bewegung macht einen (wenn auch noch so kleinen) Bedeutungsunterschied. Hier wirkt er Carol mehr zugewandt; wenn er diese Stelle ins Publikum spricht, dann wirkt das wie ein Vortrag – es soll aber ein Argument sein.

Auch Ivy Quainoo, die diesen Teil vom 2. Akt fast nur auf dem Stuhl verbringt, wiederholt immer wieder einzelne Stellen, immer wieder anders. Natürlich kann auch sitzend die kleinste Bewegung einen Unterschied machen – ob sie sich konfrontativ vorlehnt, wann sie sich zurücklehnt und dabei entspannter wirkt, wann sie versucht, aufzustehen und sich dann doch wieder richtig hinsetzt. So wird langsam, manchmal mühsam, der Text auf die Bühne gebracht, bis (hoffentlich) alle am Ende des Tages zufrieden sind. Ich helfe noch, aufzuräumen, Snacks und Kaffee zurück in die Küche zu bringen, und dann ist der Tag auch für mich vorbei.

Kleiderpuppen im Gang zur Küche. Eine davon hat einen mysteriösen roten Fleck.

Nach drei Tagen Irrfahrt (20 Minuten Laufweg von der U-Bahn) bin ich dann wieder an meinen Schreibtisch zurückgekehrt, ein bisschen älter, ein bisschen weiser. Ich war zwar nur die kurze Zeit da und habe nur einen kleinen Ausschnitt des Probenprozesses gesehen – aber ich merke, wie viel Arbeit von jeder Seite, von Bühnenbild, Kostüm, Schauspiel, Regie (und ja, auch vom Catering!) in einer Produktion drinsteckt.

Es war spannend, bei der Premiere gerade diesen Teil, den ich ganz am Anfang begleitet habe, fertig auf der Bühne zu sehen; zu erkennen, was sich geändert hat, was immer noch im Text ist, und mir vorzustellen, wie viel Arbeit noch dazwischen lag. Ich stand selber schon in der Schule auf der Bühne und spiele immer noch gern Theater, weshalb ich den Einblick in professionelle Proben faszinierend fand. Und ich hoffe, dass auch ihr, werte Leser:innen, etwas Neues erfahren habt!

25.09.2025: Bismarck und ich

Sie war mir eine ständige Begleiterin, eine Konstante im Wandel, ein home away from home: die legendäre, endlose, unbezwingbare U7. Jedes Jahr steige ich woanders um – für die Kita war es die Karl-Marx-Straße, für die Grundschule die gräuliche Lipschitzallee, fürs Gymnasium der ebenfalls gräuliche Kleistpark, und für mein Jahr an der FU endlich ein schöner(er) Bahnhof, der Fehrbelliner Platz. Und jetzt, am Anfang meines FSJs, ist der neue U7 Umsteigort eben die Bismarckstraße. (Als würde ich mich seit der Grundschule immer ein paar Bahnhöfe weiter vorarbeiten. Ob am Ende meines Lebens wohl auch das Rathaus Spandau liegt? Ich möchte es mir nicht ausmalen.)

Ein mürrischer, äußerst breiter Bismarck

Jeden Morgen starrt mich hier am U-Bahnhof um 9.40 Uhr das lächerlich breitgezogene Gesicht von Otto von Bismarck mürrisch an – als wäre er derjenige, der zwei Stunden vorher aufstehen musste, um schon sein zweites Post-Abitur-Jahr zu beginnen. Als wäre er derjenige, der immer wieder von seiner Familie gefragt wurde „Und, weißt du schon, was du studieren willst?“ und ihnen immer wieder antworten musste „Ja, ich finde Linguistik im Grunde interessant, aber ich kann mir im Moment noch nicht vorstellen, direkt mit dem Studium anzufangen“ – aus vagen psychologisch bedingten Gründen, die er weder seinen Großeltern noch den Leser: innen seines Blogs erklären wollte. Als wäre er derjenige, der sich mit ganzen acht Jahren ausgedacht hatte, dass er einmal Schriftsteller werden will und jetzt elf Jahre später dasteht, mit kaum mehr Ahnung von der Umsetzung dieses Traums, und mit dem immer schneller rennenden Erwachsensein dicht auf seinen Fersen.

Aber das ist Otto eben nicht. Der fröhliche Freiwillige steht ihm drei Meter gegenüber und wartet auf die nächste U2…

Lange Rede, kurzer Sinn; lasst uns doch einfach alle künstlerische Ambiguität und stilistische Umkehrung auflösen: Ich bin Caspian, ich bin 19 Jahre alt, habe vor zwei Jahren mein Abitur gemacht und gerade ein Orientierungsstudium an der FU Berlin hinter mir. Ich mag Theater in allen Formen, ich habe den einfachen Traum, weltberühmter Schriftsteller zu werden, und ich weiß überhaupt nicht, was ich erstmal mit meinem Leben anfangen soll. Und ich mag Kommata. Aber das habt ihr vielleicht schon gemerkt.

Ich mache daher dieses Jahr ein FSJ-Kultur im Renaissance-Theater Berlin, Bereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, und ganz so mürrisch wie das fragwürdig formatierte Mosaik in der Bismarckstraße bin ich doch nicht drauf. Ich glaube, dass es dieses Jahr viele Möglichkeiten geben wird, meine Interessen zu verfolgen, vielleicht sogar neue zu finden, und zu schauen, wie es mir fern von Schule oder Uni geht. In diesem Blog würde ich gerne wie Hanna meine Erfahrungen, Ideen und Highlights dokumentieren. Hier lernt ihr das Theater von einer ganz anderen Seite kennen!

Ein fröhlicher, normal formatierter Caspian