FSJ-Kultur Blog 2025/26

Herzlich Willkommen auf dem FSJ-Kultur Blog! In diesem Jahr werde ich, Caspian, den Blog weiterführen. Wenn ihr mir Kommentare, Ideen oder auch wissenschaftliche Theorien zukommen lassen wollt, schreibt mir doch gerne unter fsj-pr(at)renaissance-theater.de!

30.10.2025: Hören sie, was ich schmecke? – Drei Tage Probebühne

Die Probebühne, unendliche Weiten zu laufen vom U-Bahnhof Richard-Wagner-Platz1. Wir schreiben das Jahr 2025. Dies sind die Abenteuer des FSJlers, der in Orte vordringt, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Na ja, außer die Schauspielenden. Und Regisseur:innen. Und Regieassistent:innen und Hospitant:innen und die Menschen von Kostüm und Requisite und Bühnenbild- gut. Vielleicht wart ihr, liebe Leser:innen, aber noch nicht da. Euch kann ich etwas Neues erzählen.

1 Der Laufweg von der U-Bahn zur Probebühne ist knapp 20 Minuten lang, in denen man sich mit wachsender Verwirrung fragt, ob man denn am richtigen Ort ist. Der letzte Wegabschnitt führt an Lagerhallen und Bürobauten entlang. Schließlich muss man in einen großen Parkplatz einbiegen, nicht von einem Van überfahren werden, was schwierig ist, wenn er 10 Minuten zum Wenden braucht und man erst ab Minute 5 versteht, wo er eigentlich hinwill, und dann nimmt man den Fahrstuhl zum 3. Stock.

Die Probebühne ist ein mehr oder weniger maßgetreuer Nachbau der Bühne in der Knesebeckstraße, und gerade bestellt mit dem Lattenskelett des zukünftigen Bühnenbilds. Davor ist ein Bereich mit Regietisch, Sofas, Umkleiden für die Schauspielenden. Daneben hat die Requisite einen Bereich, in dem alles von alten Büchern bis zu schicken Gläsern steht. Direkt in der Sichtlinie von meinem Platz am Tisch liegt ein riesiger Papp-Eselskopf, der mich bei den Leseproben aus einem Auge anstarrt. Beunruhigend.

Im „zweiten Stock“, der die Anführungszeichen verdient, weil er auf einem vertrauenerweckenden Metallgerüst steht, ist der Kostümfundus. Ins Auge fallen mir ein grellpinker Mantel mit Fellkragen, eine Kordhose, die leider besser aussieht als meine, und Reihen über Reihen an Schuhen. Angekommen bei der Probebühne bereiten Tuula (die Regiehospitantin) und ich die Verpflegung vor (Tuula kocht Kaffee, Tee, bereitet Snacks vor und stellt Wasserflaschen auf die Tische – ich trage die Tomaten zum Buffet). Bis zum Probenbeginn treffen Regieassistent, Menschen von Kostüm, Requisite und Bühnenbild, Souffleuse, Dramaturg, Schauspielende und Regisseur ein. Alle finden ihren Platz am Tisch, neben dem Tisch oder auf einem Sofa, und dann wird erstmal gelesen.

Gut die Hälfte der Probenzeit wird mit Lesen verbracht – vermutlich auch dem Stück, Oleanna, geschuldet, bei dem es auf jedes Wort ankommen kann. Ja, auch die Betonung von „Paradigma“ macht einen Unterschied für die Charakterisierung: Irgendwer weist darauf hin, dass John als Professor die altgriechisch korrekte Betonung benutzen sollte (Paradigma statt Paradigma, immer auf der drittletzten Silbe des Wortes – außer, die letzte oder vorletzte Silbe enthält einen langen Vokal. Na, wer hat gesagt, dass mir ein Graecum nichts bringt?). Es wird über Missverständnisse diskutiert, schlechte Übersetzungen werden korrigiert und dutzende „Sehen Sie- Hören Sie- Können Sie-“ gestrichen. Gerade der Professor John sagt öfter den Satz „Sehen Sie, was ich sage?“, woran sich der Schauspieler, Heikko Deutschmann, stört. In einem der Lesedurchläufe sagt er, als würde es im Text stehen: „Sehen Sie, was ich sage? Hören Sie, was ich schmecke?“ Ich bin erstmal verwirrt, ob ich auch das richtige Textbuch habe, dann klickt es bei mir (er betont die Verbindung von verschiedenen Sinnen: sehen-hören/hören-schmecken, für ähnlich lange Leitungen wie meine), und ab dann bin ich für immer verflucht bei Sehen Sie, was ich sage? zu lachen.

Irgendwann, wenn alle Wörter semantisch zerlegt und die Salzstangen aufgegessen sind, folgt eine kurze Mittagspause. Alle scheinen in andere Ecken der Probebühne zu verschwinden, gehen ihren Aufgaben nach oder besprechen nochmal den Text in einer kleineren Runde. All das bekomme ich kaum mit, denn ich bleibe in unmittelbarer Nähe des Regietisches und esse unauffällig mein Brot. Ich weiß nicht wirklich, wohin mit mir, und vor allem am ersten Tag fühle ich mich ein bisschen fehl am Platz. Alle kennen sich, arbeiten schon seit über einer Woche zusammen und haben ihre Aufgaben. Ganz beiläufig betrachte ich also zum hundertsten Mal das Bühnenbildmodell für „Extrawurst“, als hätte ich es gerade erst entdeckt.

Nach der kurzen Mittagspause geht es auf die Bühne. Als ich dabei bin, wird der zweite Akt geprobt, in dem die Studentin Carol auf einem Stuhl in 1,70 m Höhe sitzen soll. Ihre Schauspielerin Ivy Quainoo kommt nur mit einer Leiter nach oben – ratet mal, wie oft gewitzelt wird, jetzt einfach zu gehen und sie oben sitzen zu lassen. Von dort runterzuspringen ist nämlich nicht ganz ohne.

Nachdem der Text vorher gründlich durchgesprochen wurde, klappt das Spielen schon gut, zumindest aus meiner Sicht. Aber keineswegs sind die Szenen nach einem Durchlauf fertig – immer wieder wird neu gestartet. Dabei ist jede Wiederholung immer ein bisschen anders, vor allem Heikko Deutschmann hat im zweiten Akt viel Bewegungsspielraum. Mal nimmt er sich früher einen Stuhl, mal setzt er sich an einer anderen Stelle hin. Jeder Durchgang lässt den Text anders wirken, jede Bewegung macht einen (wenn auch noch so kleinen) Bedeutungsunterschied. Hier wirkt er Carol mehr zugewandt; wenn er diese Stelle ins Publikum spricht, dann wirkt das wie ein Vortrag – es soll aber ein Argument sein.

Auch Ivy Quainoo, die diesen Teil vom 2. Akt fast nur auf dem Stuhl verbringt, wiederholt immer wieder einzelne Stellen, immer wieder anders. Natürlich kann auch sitzend die kleinste Bewegung einen Unterschied machen – ob sie sich konfrontativ vorlehnt, wann sie sich zurücklehnt und dabei entspannter wirkt, wann sie versucht, aufzustehen und sich dann doch wieder richtig hinsetzt. So wird langsam, manchmal mühsam, der Text auf die Bühne gebracht, bis (hoffentlich) alle am Ende des Tages zufrieden sind. Ich helfe noch, aufzuräumen, Snacks und Kaffee zurück in die Küche zu bringen, und dann ist der Tag auch für mich vorbei.

Kleiderpuppen im Gang zur Küche. Eine davon hat einen mysteriösen roten Fleck.

Nach drei Tagen Irrfahrt (20 Minuten Laufweg von der U-Bahn) bin ich dann wieder an meinen Schreibtisch zurückgekehrt, ein bisschen älter, ein bisschen weiser. Ich war zwar nur die kurze Zeit da und habe nur einen kleinen Ausschnitt des Probenprozesses gesehen – aber ich merke, wie viel Arbeit von jeder Seite, von Bühnenbild, Kostüm, Schauspiel, Regie (und ja, auch vom Catering!) in einer Produktion drinsteckt.

Es war spannend, bei der Premiere gerade diesen Teil, den ich ganz am Anfang begleitet habe, fertig auf der Bühne zu sehen; zu erkennen, was sich geändert hat, was immer noch im Text ist, und mir vorzustellen, wie viel Arbeit noch dazwischen lag. Ich stand selber schon in der Schule auf der Bühne und spiele immer noch gern Theater, weshalb ich den Einblick in professionelle Proben faszinierend fand. Und ich hoffe, dass auch ihr, werte Leser:innen, etwas Neues erfahren habt!

25.09.2025: Bismarck und ich

Sie war mir eine ständige Begleiterin, eine Konstante im Wandel, ein home away from home: die legendäre, endlose, unbezwingbare U7. Jedes Jahr steige ich woanders um – für die Kita war es die Karl-Marx-Straße, für die Grundschule die gräuliche Lipschitzallee, fürs Gymnasium der ebenfalls gräuliche Kleistpark, und für mein Jahr an der FU endlich ein schöner(er) Bahnhof, der Fehrbelliner Platz. Und jetzt, am Anfang meines FSJs, ist der neue U7 Umsteigort eben die Bismarckstraße. (Als würde ich mich seit der Grundschule immer ein paar Bahnhöfe weiter vorarbeiten. Ob am Ende meines Lebens wohl auch das Rathaus Spandau liegt? Ich möchte es mir nicht ausmalen.)

Ein mürrischer, äußerst breiter Bismarck

Jeden Morgen starrt mich hier am U-Bahnhof um 9.40 Uhr das lächerlich breitgezogene Gesicht von Otto von Bismarck mürrisch an – als wäre er derjenige, der zwei Stunden vorher aufstehen musste, um schon sein zweites Post-Abitur-Jahr zu beginnen. Als wäre er derjenige, der immer wieder von seiner Familie gefragt wurde „Und, weißt du schon, was du studieren willst?“ und ihnen immer wieder antworten musste „Ja, ich finde Linguistik im Grunde interessant, aber ich kann mir im Moment noch nicht vorstellen, direkt mit dem Studium anzufangen“ – aus vagen psychologisch bedingten Gründen, die er weder seinen Großeltern noch den Leser: innen seines Blogs erklären wollte. Als wäre er derjenige, der sich mit ganzen acht Jahren ausgedacht hatte, dass er einmal Schriftsteller werden will und jetzt elf Jahre später dasteht, mit kaum mehr Ahnung von der Umsetzung dieses Traums, und mit dem immer schneller rennenden Erwachsensein dicht auf seinen Fersen.

Aber das ist Otto eben nicht. Der fröhliche Freiwillige steht ihm drei Meter gegenüber und wartet auf die nächste U2…

Lange Rede, kurzer Sinn; lasst uns doch einfach alle künstlerische Ambiguität und stilistische Umkehrung auflösen: Ich bin Caspian, ich bin 19 Jahre alt, habe vor zwei Jahren mein Abitur gemacht und gerade ein Orientierungsstudium an der FU Berlin hinter mir. Ich mag Theater in allen Formen, ich habe den einfachen Traum, weltberühmter Schriftsteller zu werden, und ich weiß überhaupt nicht, was ich erstmal mit meinem Leben anfangen soll. Und ich mag Kommata. Aber das habt ihr vielleicht schon gemerkt.

Ich mache daher dieses Jahr ein FSJ-Kultur im Renaissance-Theater Berlin, Bereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, und ganz so mürrisch wie das fragwürdig formatierte Mosaik in der Bismarckstraße bin ich doch nicht drauf. Ich glaube, dass es dieses Jahr viele Möglichkeiten geben wird, meine Interessen zu verfolgen, vielleicht sogar neue zu finden, und zu schauen, wie es mir fern von Schule oder Uni geht. In diesem Blog würde ich gerne wie Hanna meine Erfahrungen, Ideen und Highlights dokumentieren. Hier lernt ihr das Theater von einer ganz anderen Seite kennen!

Ein fröhlicher, normal formatierter Caspian