Ein Jahrhundert Theatergeschichte

Ein Streifzug durch die Theatergeschichte

Intendanzen und Künstler*innen

Den Spielbetrieb nimmt das Renaissance-Theater am 18. Oktober 1922 auf – mit der Premiere von Gotthold Ephraim Lessings lange nicht gespielten Stück Miss Sara Sampson. Der Begründer und erste Direktor der Bühne, der Schriftsteller Theodor Tagger, avanciert unter dem Pseudonym Ferdinand Bruckner zu einem erfolgreichen Dramatiker der Weimarer Republik. Mit einer Kombination aus aktuellen Stücken mit literarischem Anspruch – Strindberg, Tagore, d’Annunzio, Zola, Pirandello – und mit musikalischer Unterhaltung, den frühen Revuen von Friedrich Hollaender, gelingt es Tagger, das Haus bereits in seinen ersten Jahren als Schauspieler-Theater zu etablieren.

Von Anfang an setzen die Intendanten des Renaissance-Theaters auf namhafte Künstler auf ihrer Bühne. In der Intendanz von Theodor Tagger sind es Größen wie Alexander Granach, Heinrich George, Olga Tschechowa, Carola Neher, Helene Weigel und Tilla Durieux, Friedrich Hollaender, Blandine Ebinger und Valeska Gert, die das Relief des Spielplans ausprägen.

1926 übernimmt Gustav Hartung die Theaterleitung. Er verhilft Krankheit der Jugend von Ferdinand Bruckner zum durchschlagenden Erfolg, nicht wissend, dass sich hinter dem Pseudonym sein Vorgänger Tagger verbirgt. Hartung bringt realitätsnahe Stoffe auf die Bühne, zum Beispiel die zunehmende Arbeitslosigkeit in der Wirtschaftskrise, und versucht, das finanzielle Risiko mit unterhaltenden Komödien aufzufangen. Seine opulente Inszenierung der Offenbach Operette Pariser Leben mit 60 Teilnehmern nötigt ihn schließlich 1929, das Theater zu schließen. Es folgt die Intendanz von Robert Klein (1930-1931), der sich die Nutzung des Hauses durch Gastspiel-Direktoren von 1931 bis 1933 anschließt.

Als der langfristig feste Intendant Alfred Bernau antritt, hat die politische Katastrophe in Deutschland bereits begonnen. Bernau, der ursprünglich mit einer Neuinszenierung von Krankheit der Jugend auf der Bühne auch ein politisches Statement abgeben wollte, ist nun gezwungen, weitgehend „leichte Kost“ zu produzieren. Den Gehalt seines Spielplans reichert er u.a. mit drei selbstinszenierten Stücken von Oscar Wilde an. Während der Intendanz Alfred Bernaus (1933-1943) fehlen die Künstler, die immigrieren mussten. Die bekanntesten Namen im Spielplan des Renaissance-Theaters, sind in dieser Zeit der künstlerischen Stagnation, Adele Sandrock, Rudolf Platte, Hubert von Meyerinck, Hilde Hildebrandt. Alfred Bernau ist solange der Direktor des Theaters, bis die Nationalsozialisten 1942 die Privatbühnen schließen.

In der Spielzeit 1943/44 nutzt der Generalintendant des Schiller-Theaters Heinrich George das Renaissance-Theater als „Kleines Haus des Schiller-Theaters“. Der Spielbetrieb wird solange aufrechterhalten, bis am 1 September 1944 alle Spielstätten schließen müssen. Nach dem Krieg ist das Renaissance-Theater, als Dependance des Schiller-Theaters, das erste Haus, in dem wieder gespielt wird. Schließlich ordnet die britische Militärregierung (1945-1946) an, das Renaissance-Theater als Berlin-Show-Boat für musikalische Revuen für das Militärpersonal zu nutzen.

Zur Spielzeit 1946/1947 wird Kurt Raeck der neue Intendant des Hauses. Sein geschicktes Verhandeln bewirkt, dass das Renaissance-Theater wieder zum Privattheater wird. Es ist ihm ein Anliegen, den nach Deutschland zurückgekehrten Immigranten auf seiner Bühne wieder eine Heimat zu bieten: es spielen Blandine Ebinger, Lucie Mannheim, Tilla Durieux, Curt Goetz, Grete Mosheim, Elisabeth Bergner. Kurt Raeck engagiert aber ebenso auch Schauspieler*innen, die in Deutschland geblieben waren: Ruth Hausmeister, Hilde Hildebrandt, Victor de Kowa, Berta Drews, und ab 1951 ist auch Theo Lingen häufiger der Star einer Produktion. Ein wichtiger Protagonist wird in den späten fünfziger Jahren bis 1969 O.E. Hasse. Auch Elisabeth Flickenschildt und Grete Weiser spielen im Renaissance-Theater.

Kurt Raeck leitet das Renaissance-Theater 32 Jahre lang. Nach ihm führt Horst Mesalla, Raecks Verwaltungs-direktor, von 1979 bis 1981 die Geschäfte, bis für die Spielzeit 1981/1982 Heribert Sasse vom Eigentümer des Theaterbetriebs zum Intendanten berufen wird. Sasse spielt und inszeniert, manchmal gleichzeitig und versucht, das Renaissance-Theater nach außen lebendiger erscheinen zu lassen. Es gibt u.a. Produktionen mit Maximilian Schell und Horst Buchholz. Der Chef-Dramaturg Knut Boeser übernimmt von 1984 bis 1985 die Theaterleitung. Er versucht mit eher unerwarteten Besetzungen zu überraschen. So spielt Helen Vita in Boesers Bearbeitung der Beggar’s Opera von John Gay und Ingrid Caven, Lotti Huber und Rosa von Praunheim in einem Stück von Rosa von Praunheim. Unter Boeser ist auch Mario Adorf zum ersten Mal am Renaissance-Theater zu sehen – an der Seite von Hardy Krüger.

Nach einer Interimsintendanz (1985-1986) von Friedrich von Kekulé und Horst H. Filohn – in der Judy Winter zum ersten Mal im Renaissance-Theater spielt – wird Gerhard Klingenberg Intendant (1986-1995). Sein Ideal eines Theaters ist ein Schauspieler-Theater, und dazu gehören für Klingenberg „Regisseure, die dadurch auffallen, daß sie nicht auffallen.“ (Gerhard Klingenberg, Gedanken vor dem Anfang oder Renaissance-Theater wörtlich, in: Vorschau des Renaissance-Theaters 1986/87). In dieser Zeit wird Der Entertainer mit Harald Juhnke ein großer Erfolg. Doch der Mauerfall in Berlin verändert die Theaterlandschaft gravierend und auch die großen Namen ziehen nicht mehr allein ein größeres Publikum an. 1995 tritt Klingenberg zurück und Horst-H. Filohn, seit 1977 Technischer Leiter und seit 1984 Geschäftsführer des Hauses, wird Intendant des Renaissance-Theaters.

Anders als sein Vorgänger verlangt Filohn auch von den Regisseuren starke künstlerische Verantwortung, trotzdem achtet auch er auf namhafte Besetzungen und weiß auch bereits bestehenden Verbindungen wirksam zu nutzen. Das erfolgreichste Beispiel dafür ist Judy Winters Verkörperung von Marlene Dietrich in Marlene von Pam Gems. Aber auch neue Kontakte weiß er zu nutzen. Die Übernahme der Erfolgsproduktion „KUNST“ von der Schaubühne am Lehniner Platz, in der Originalbesetzung mit Udo Samel, Peter Simonischek und Gerd Wameling führt dazu, dass Schauspieler*innen, die früher dem Ensemble der Schaubühne angehörten, nun auch im Renaissance-Theater spielen: Imogen Kogge, Tina Engel, Corinna Kirchhoff, Monika Hansen, Otto Sander. Dazu kommt eine Stückauswahl, die sich an internationalen Erfolgen orientiert. Es gelingt ihm so, das Haus für Schauspieler und Zuschauer attraktiv zu machen.

Als er sich aus der aktiven Theaterarbeit 2020 zurückzieht, setzt er Guntbert Warns als seinen Nachfolger ein. Warns war zunächst als Schauspieler am Renaissance-Theater engagiert, dann auch als Regisseur und nun ist er am Ende des Zyklus der hundert Jahre der Mann an der Spitze des Hauses.

Seinen Fokus legt das Haus unter der Intendanz von Guntbert Warns auf Erfolgsstücke der internationalen Gegenwartsdramatik, aber auch auf relevante Werke der Renaissance mit modernen Bezügen. Weitere Schwerpunkte sind musikalische Produktionen und Stücke mit Berlin-Bezug. Gleichermaßen zeitkritisch und unterhaltsam setzt sich das Haus mit aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen auseinander und präsentiert zudem regelmäßig literarische und musikalische Veranstaltungen, in dem, als Art-Déco-Salon gestalteten, „Bruckner-Foyer“. Die Produktionen des Renaissance-Theaters finden dank umfangreicher Gastspieltätigkeit im deutschsprachigen Raum auch über die Grenzen Berlins starke Beachtung.