Geschichte des Hauses

DAS RENAISSANCE-THEATER BERLIN

Das Renaissance-Theater ist kein ehemaliges Hoftheater, kein Staats- oder Stadttheater, sondern ein Privattheater. Es ist nicht im Renaissance-Stil erbaut, wie der Name vermuten lässt, sondern eins der wenigen noch erhaltenen Art-Déco-Theater Europas. Und es ist Zeuge der großen Berliner Theaterzeit zwischen den Weltkriegen.

KÜHNHEIT DER JUGEND

Theodor Tagger heißt der Mann, der 1922 ein Theater in Berlin sucht. Er ist 31 Jahre alt, ein abgebrochener Student ohne jegliche Theaterpraxis der erfolgreich einige unerfolgreiche Theaterstücke veröffentlicht hat. Wenige Jahre später wird er zu den wichtigsten deutschsprachigen Dramatikern der Zeit gehören – allerdings unter einem neuen Namen, einem Pseudonym: Ferdinand Bruckner.

Tagger (1891 – 1958) findet das „Terra- Kino“ in einem bereits 1903 errichteten Gesellschaftshaus nahe dem Bahnhof Zoo und adaptiert es für seine Theaterzwecke. Es bleibt ein schmales Handtuch mit einer winzigen Bühne, doch der Anspruch ist groß: Eine Renaissance des deutschen Theaters will Tagger hier einleiten mit der Vorstellung neuer, hervorragender Dramatiker in ausgezeichneten Aufführungen – daher der Name „Renaissance-Theater“. In den ersten Spielzeiten mäandert der neue Theaterdirektor zwischen Erfolg und Misserfolg, bis er Anfang 1926 pleite ist. Doch anstatt aufzugeben, entschließt er sich zu einem radikalen Neuanfang: Er lässt das Theater völlig umbauen, Dafür findet sich ein Investor, der Konzernherr Michael Jakob, einer der reichsten Männer Deutschlands. Der kauft das ganze Haus und gibt Tagger Kredit für den Umbau des Theaters. Und so entsteht innerhalb von fünf Monaten ein Juwel des Art déco.

KÜHNHEIT DER ÄLTEREN

Architekt Oscar Kaufmann (1873 – 1956) stammt wie Tagger aus der alten Donaumonarchie und hat in Berlin im Büro von Bernhard Sehring Theaterbau gelernt. Als selbstständiger Architekt entwirft Kaufmann in Berlin das Hebbel-Theater (1908) und die Volksbühne (1914) sowie in Bremerhaven das Stadttheater (1911). Nach dem Ersten Weltkrieg entstehen seine Theater in Berlin vermehrt als Umbauten in vorhandenen Gebäuden, so z. B. Theater und Komödie am Kurfürstendamm (1921 bzw. 1924) sowie die Kroll-Oper (1924). Auch das Renaissance-Theater steht in dieser Reihe, Erst einmal soll es größer werden, Kaufmann geht das Wagnis ein, die linke tragende Wand des Zuschauerraums komplett herauszubrechen und durch zwei Eisenpfeiler zu ersetzen, die das Gewicht des Balkons und der über dem Theater liegenden Geschosse des Hauses tragen. Die neue Wand verläuft nicht parallel zur gegenüberliegenden, sondern schräg, sodass ein trapezförmiger Raum entsteht. Er wird mit französischem Rosenholz getäfelt und bietet das Kostbarste was Berlins Theater heute noch zu bieten haben: ein die gesamte Rückwand des Balkons füllendes Intarsienbild von Cesar Klein. Der Maler, Grafiker und Bühnenbildner Cesar Klein (1876 – 1954) arbeitet schon seit einigen Jahren mit Kaufmann zusammen. Seine von Viktor Szanto ausgeführte Intarsienwand aus edlen Hölzern, Perlmutt, Schildpatt, Malachit, Elfenbein und (heute braun überlackierten Zinnstreifen wirkt aus der Entfernung etwas chinesisch, erweist sich aber bei näherer Betrachtung als eine Art-Déco-Struktur, in die Commedia-dell-Arte-Gruppen, Stillleben und wie Blütenzweige und Vögel eingebettet sind. Jede der neun Commedia-dell’Arte-Gruppe dreht sich um eine Dienerfigur, den Zanni, gut zu erkennen an seinem Zweispitz. Callot, Watteau und Picasso gaben Klein Anregungen für diese Bilder, ohne dass er sie kopiert und ohne dass er Bezug nimmt auf reale Theaterstücke. Etwas Spielerisches geht von den Figuren aus, und zugleich etwas Festliches von dem verwendeten Material. Als „heiterer Ernst“ definierte schon ein zeitgenössischer Kritiker die Atmosphäre.
Doch der Abend beginnt ja nicht erst im Zuschauerraum. Vor die Fassade des Hauses setzte der Architekt einen halbrunden, heute rekonstruierten Vorbau aus zwei Etagen hohen, rundbogigen Fenstern mit farbigen Scheiben. Während die Farbigkeit am Tag kaum wahrnehmbar ist, leuchtet das Theater abends bunt von innen nach außen. Zusammen mit dem krönenden Schriftzug Renaissance-Theater“ aus hundert Glühbirnen bildet er eine riesige Leuchtreklame für das Theater. Innen ist alles im Fluss. „Alles, was den Bau zusammenhält – Wände, Decken, Treppen – befindet sich in sanft schwingender Bewegung“, schreibt Steffi Recknagel in ihrer verdienstvollen Biographie dieses Theaters. Gerade Linien und rechte Winkel tauchen nur als Dekor auf, z.B. als Gerüst für Blüten-, Blätter- und Rankenverzierungen die in die Wandbespannung gewebt, in die Treppengeländer geschmiedet, an Türen, Lampen und Heizungsverkleidungen aus Messing getrieben und in Spiegelglas geschliffen sind. Darunter strahlen kräftige, polierte Farbtöne von Boden, Wänden und Decke. Doch selbst hier, in einem Theater des 20. Jahrhunderts, musste vieles davon erst unter neueren Farbschichten wiederentdeckt und restauriert bzw. nachgemalt und nachgewebt werden. Verschwunden ist ein Deckengemälde von Klein im Spiegelfoyer. Und auch die Fenster und der Balkon über dem wiederhergestellten Vorbau warten noch darauf, aus ihrer von den Nazis verordneten Eintönigkeit wieder in eine Leichtigkeit zurückversetzt zu werden, die Kaufmanns Rundbogen in den oberen Etagen fortsetzt.
So also ist die Wirkung auf den Theaterbesucher: Er nähert sich einer Kathedrale aus buntem Licht, betritt schwingende Räume in leuchtenden Farben und nimmt Platz in einem kostbaren Ambiente, das in ihm Vorfreude und Konzentration auf das Bühnengeschehen weckt. Genial fanden das schon die Zeitgenossen. Kann ein Theaterarchitekt mehr erreichen?