Architektur

DER ARCHITEKT OSKAR KAUFMANN

Kaufmann war ein Hexenmeister, der die Theaterbesucher in eine Zauberwelt entführen wollte. Er hat mit diesem Bau Theaterarchitektur-Geschichte geschrieben, sagte Landeskonservator Dr. Jörg Haspel im August 1995 nach Abschluß der Restaurierungsarbeiten in den Foyers und Wandelgängen.

Wer war dieser Ausnahme-Architekt, der innerhalb von knapp 20 Jahren in Berlin sieben Theater baute?

Der Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie wurde 1873 in Neu St. Anna (damals Ungarn, jetzt Rumänien) geboren. Er studierte zunächst am Budapester Konservatorium Musik, dann an der Großherzoglich Badischen Technischen Hochschule in Karlsruhe Architektur. Seit 1900 lebte er als selbständiger Architekt in Berlin.

Sein erster Theaterbau war das Hebbel-Theater (1907); es folgten das Stadttheater Bremerhaven (1910) und das Kinotheater am Nollendorfplatz in Berlin. Mit der Volksbühne am Bülowplatz (1913/14) schuf er sein Hauptwerk, ein demokratisches Theater für einen Berliner Arbeiterbezirk. 1914 errichtete er das Neue Wiener Stadttheater; 1921 baute er das Ausstellungsgebäude der Sezession zum Theater am Kurfürstendamm um, 1922/23 die Kroll-Oper, 1924 die Komödie. Das Renaissance-Theater (1926) war sein siebenter und letzter Berliner Theaterbau. 1932 war Kaufmann Reichstagskandidat der SPD, was ihn einige Aufträge kostete. 1933 entzogen ihm die Nazis die Berufsbezeichnung. Er emigrierte nach Palästina, baute in Tel Aviv das erste hebräische Theater, das Habimah. Bei Ausbruch des Krieges ging er nach Budapest, wo er erneut Verfolgungen ausgesetzt war. 1948 rehabilitiert, wurde er mit der Planung eines Theaters betraut, dessen Fertigstellung er nicht mehr erlebte. Oskar Kaufmann starb 1956 in Budapest, ohne je nach Berlin zurückzukehren.

Will man ermessen, was es bedeutete, Mitte der Zwanziger Jahre in ein trotziges Vereinshaus eine Zauberwelt hineinzuhexen, muß man sich das gesellschaftliche Klima zwischen den Weltkriegen vergegenwärtigen. Krieg und Revolution hatten die alten Ordnungen zerstört oder geschwächt. Es war die große Zeit des wissenschaftlich-technischen Fortschritts, der neuen Denk- und Lebensmodelle, des neuen Bauens, der neuen Sachlichkeit, des neuen Menschen. Das neue Theater schaffte die Erzeugung von Illusion, die Bindung an Literatur und Psychologie, alles überflüssige Beiwerk wie Vorhang, Kulissen, Requisiten, Kostüme ab. Auf beweglichen, unverhüllten Bühnen- Maschinen agierten biomechanisch trainierte Maschinen-Menschen. Walter Gropius entwarf für Erwin Piscator 1927 das Totaltheater, eine veränderbare Konstruktion sich durchdringender Bühnen- und Zuschauerbereiche, gemäß seiner Bauhaus-Devise Kunst und Technik – eine neue Einheit. Neu war im zweiten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts das meistgebrauchte Wort.

Im Januar 1927 wurde Oskar Kaufmanns neues Renaissance-Theater eröffnet. Er hatte dem Eckgebäude innen und außen eine völlig neue Gestalt verliehen. Ein magisch blaues Leuchten zog nun die Aufmerksamkeit abendlicher Passanten an: Fünf schlanke, vor einem halbrunden Vorbau markant emporwachsende Rundbogenfenster aus blauem Glas, über denen gleich einer kostbar funkelnden Krone der Name des Hauses aus Hunderten von Glühbirnen schwebt, fungieren als raffinierte Lichtreklame. Wer durch die magischen Fenster eintritt (denn am Fuße der mittleren drei öffnen sich Türen), kommt aus dem Staunen nicht heraus. Alles, was den Bau zusammenhält – Wände, Decken, Treppen – befindet sich in schwungvoller, abwechselnd konkav-konvexer Bewegung, wodurch ein verblüffender Formenreichtum entsteht. Dazu kommt ein atemlos anmutendes Bewegungsspiel der ornamentalen Verzierungen aus verschiedensten Materialien an Wänden, Decken, Treppen, Türen, Spiegeln, Leuchtkörpern, Heizungsverkleidungen. Und dann die Farben! In prächtigem Goldgelb, Lachsrot, Ultramarinblau, Ocker, Blaugrün, Weinrot leuchten Foyers und Wandelgänge, während den Zuschauerraum die warmen Töne edler Hölzer beherrschen, aus denen die Re- flexe perlmuttbesetzter Details im kostbaren Wandbild blitzen. Die Intarsiendekoration zeigt fast lebensgroße Figuren in kleinen Genre- und Theaterszenen, an Watteaus Galante Feste erinnernde Maskenspiele. Alles wirkt, als habe sich ein wahres Füllhorn der Phantasie fröhlich und verschwenderisch über die nüchternen Gebote eines widrigen Grundrisses, von Statik und Funktion ergossen. Kaufmanns festlich-heiteres, intim-behagliches Theater der Fünfhundert aus dem Geiste des Rokoko entführt die Zuschauer in eine zweite Gegenwart, in die Illusion eines Spiels, das nicht nur auf der Bühne stattfindet.

Es liegt auf der Hand, daß dem Baumeister eines solchen Schmuckkästchens harmonie(sehn)süchtige Flucht aus der Gegenwart in ein Reich der Eleganz und Grazie jenseits der modernen Industrie- und Massengesellschaft samt ihren sozialen Kämpfen unterstellt wurde.

Ein Vorwurf, mit dem wir uns in der nächsten Folge auseinandersetzen. Außerdem wird uns die Frage beschäftigen: Ist das Renaissance-Theater das einzige originalerhaltene Art-Déco-Theater Europas?

DER GESTALTER CÉSAR KLEIN

Bis zu seinem Umbau war das Renaissance-Theater nicht viel mehr als ein Lagerraum mit einigen Reihen harter Sitzgelegenheiten. Als es nach sechsmonatiger Bauzeit am 8. Januar 1927 neu eröffnet wurde, hatte es sich in einen der schönsten und künstlerisch reizvollsten Theaterräume verwandelt – dank der Genialität des Theaterarchitekten Oskar Kaufmann. Publikum und Kritik waren vom intimen Raumerlebnis in dem mit edlen Hölzern vertäfelten Zuschauersaal begeistert. Absolut ohne Beispiel aber war und ist das große Intarsienwandbild im Balkonbereich, das Oskar Kaufmann von César Klein entwerfen ließ und das dem Theater den liebevollen Beinamen „Schmuckkästchen in der Hardenbergstraße“ eintrug: Die großfigurige Intarsiendekoration, die von einer Seite der Bühne zur anderen gleich einem Rundprospekt über die Rückwand schwingt, wirkt wie das Äußere einer riesigen, kostbaren Schmuckschatulle.
César Klein (1876 – 1954) ist heute nur noch wenigen bekannt. Das mag daran liegen, daß es bislang keine Gesamtdarstellung seines ungemein vielseitigen künstlerischen Schaffens gibt. Er war nicht nur Maler, sondern auch Bühnenbildner und ein Meister der angewandten bildenden Kunst. Buchillustrationen, Plakate, Mosaiken und vor allem die Ausstattung des Marmorhauskinos (1913) machten ihn bekannt. Er entwarf u.a. Glasfenster für den Lichthof des Warenhauses Wertheim, Mosaiken und Deckengemälde im Theater am Kurfürstendamm und in der Kroll-Oper. Diese architektur- gebundenen Werke wurden jedoch alle im Krieg zerstört – nur das Intarsienwandbild im Renaissance-Theater blieb als Zeugnis seiner Könnens unbeschädigt erhalten.
In der Kunstszene Berlins hat sich César Klein aktiv engagiert: 1910 als Mitglied der Neuen Sezession, 1918 als Mitbegründer der Novembergruppe (unter dem Eindruck der November-Revolution) und des Arbeitsrates für Kunst, 1919 wurde er in den Vorstand des Werkbundes gewählt. In diesem Jahr entstand sein erstes Bühnenbild. Bis 1926 hatte er bereits für insgesamt vierzig Aufführungen Bühnenbilder entworfen, darunter für berühmt gewordene Inszenierungen Leopold Jessners, wie Grabbes „Napoleon oder die hundert Tage“ am Staatlichen Schauspielhaus: Einen Bundesgenossen, der Grabbes zahllose Schauplätze mit zauberhafter Einfachheit der Bühne gewann, ohne Illusionen preiszugeben, fand Jessner in César Klein, diesem einzigartig mitdenkenden Alleskönner (Berliner Börsen-Courier 1922).
César Klein leitete die Klasse für Wand-, Glasmalerei und Bühnenbild an den Vereinigten Staatsschulen für freie und angewandte Kunst Berlin, als er den Auftrag für das Renaissance-Theater erhielt. Sein Intarsienwandbild zeigt Szenen und Motive der Commedia dell‘arte mit den für sie typischen Figuren Harlekin, Pierrot, Columbine und anderen, die in ein System aus Stufenfolgen und Podien gestellt sind. Die Ausführung erfolgte durch die Intarsienwerkstatt Nast, die zu den bekanntesten Berlins gehörte.
Die Bildfolge besteht aus gängigen Handlungsmotiven der Commedia dell‘arte, in der es immer um die Liebe geht: Szenen der Werbung, Verführung, des heimlichen Stelldicheins, der Intrige, Verwirrung, Eifersucht, Entführung und des Duells. Kleins Darstellung des Maskenspiels, Reminiszenzen an Vorbilder wie Callot und Watteau, stellen Theatergeschichte dar.
Als 1933 die Nationalsozialisten an die Macht kamen, wurde er wiederholt zur Zielscheibe von Angriffen in der NS-Presse. Sein Bühnenbild zur „Minna von Barnhem“ im Deutschen Schauspielhaus Hamburg 1936 sollte sein letztes werden: Eine Negerstatue auf der Bühne empörte die Vertreter der Herrenrasse. Klein wurde aus dem Lehramt verwiesen und erhielt Arbeitsverbot. Ist deshalb sein Deckengemälde im oberen Foyer des Renaissance-Theaters, dem lindgrünen Buffetraum, überstrichen worden?
Klein zog sich in ein Dorf in der Nähe von Lübeck zurück. Nach dem Krieg schrieb er: Zuerst muß der Schutt, hier der geistige Schutt fortgeräumt werden, der jede genialische Entfaltung erstickte.
Freundeskreis Cesar Klein: www.cesar-klein.de