GESCHICHTE DES RENAISSANCE-THEATERS
1919 bis 1926

Eine unruhige, unschöne Zeit. Deutlich verändert sich das Gesicht Berlins." So beginnt Alfred Döblin am 30. August 1922 seinen Korrespondentenbericht für das Prager Tageblatt vom Auftakt der Theatersaison 1922/23. Dem großen Geschichtenerzähler und Polemiker fällt auf den Berliner Straßen so manches auf, was er in den Berliner Theatern noch im Hinterkopf hat. Deshalb vermitteln uns seine Glossen einen so lebendigen Eindruck auch und gerade von der Geburtszeit unseres Theaters. Wir lesen weiter:


"Ich kannte das Gesicht aus der Vorkriegszeit. Da zogen morgens in Scharen die Arbeiter in ihre Fabriken, später marschierten die Angestellten, Männlein und Weiblein, in die Geschäfte, Büros. Abends gemilderte Vergnügungen, zaghaftes Geldausgeben in den Musikcafés, seltenes, aber intensives Theaterbesuchen. Das Einkaufen eines Anzugs, Mantels, von Stiefeln, Wäsche, eine wohlvorbereitete Staatsangelegenheit; das ganze Budget war vorher zu durchdenken. Jetzt, jetzo, jetzunder. Das Geld eine Ware. Man legt sie nicht hin. Sie schimmelt leicht. Man kauft nicht, sondern tauscht das leicht verderbliche Geld gegen beständigere Ware. Tauscht es gegen Lebensmittel, Luxusstoffe, Vergnügungen. ...

Kinos, Theater, Restaurants gefüllt wie nie. In den Theatern schlagen die Besitzer die Preise um das Doppelte, Dreifache auf. Das Publikum ist glücklich darüber. Der Andrang zu den teuersten Plätzen ist am stärksten. Es gab früher "Drei-Mark-Basars", es wird bald "Dreißigtausend-Mark-Basars" geben, mit denselben Waren, und - man wird dem Besitzer danken. Was keine Literatur und Kunst vermocht hat, was auch die moderne Tanzwelle nicht erreicht hat, ist Ereignis geworden: Die große Masse ist lose und leicht geworden, sorgt nicht, lebt in den Tag hinein. Aller Besitz springt aus den Verstecken in den Tag, läuft um. Ich saß im Kleinen Theater Unter den Linden. Da hat man den "Totentanz" von August Strindberg neu einstudiert. Starr stand ich an der Kasse vor dem kleinen Zettel, der die Preise anzeigte. Der billigste Platz 120 Mark, bis an 700 Mark, dann eine Steigerung, in einem Saal, der nur Parkett ist. Man zahlt für den schlechtesten Platz vier Brote, für den besten etwa zweiundzwanzig. Ich stand, schwieg, nahm eine Karte. An der Garderobe staunte ich zum zweiten Mal: das Theater mußte voll sein. Drin, in der Pause sah ich`s: es war nicht gewähltes, sehr reiches Publikum, sondern guter und einfacher Mittelstand. Vieles, was nach Angestellten aussah. Dies hatte den Esprit, für die Unterhaltung von zwei Stunden vier bis zweiundzwanzig Brote auszugeben."

13. September 1922: "In diesem Jahr, 1922, tönt das Theater und seine Presse wider vom Lärm des Hauptmann-Jubliäums (Hauptmann wurde 60, A.d.R.). Keine kritische Stimme hört man im Reich, es sei denn von rechtsradikaler Seite, denen der Autor nicht "national" genug war oder ist, oder von sehr linker Seite, denen er nicht genug Pazifist oder noch weniger ist."

11. Oktober 1922: "Herr Tagger eröffnet nächste Woche ein Renaissance-Theater in der Hardenbergstraße."

Am 18. Oktober 1922 eröffnete der 31jährige gebürtige Wiener Theodor Tagger im "Motiv"-Haus das "Renaissance-Theater" mit Ludwig Bergers Inszenierung der "Miß Sara Sampson" von Lessing. Theodor Loos spielte den Mellefont, Lucie Höflich die Marwood und Gertrud Kanitz die Titelrolle.

3. November 1922: "Unzahl Neuaufführungen. Dicht beieinander zwei Ausstattungsstücke. In der Komischen Oper ein ganz ungewöhnlich prunkhaftes: "Europa spricht davon". Lustige Szenen, Ballett über Ballett. Zweifelhafte Musik. "Eine Sehenswürdigkeit". Geschlossener die Revue des Metropol-Theaters: "New York - Berlin". Zahlreiche schöne Kostümbilder - Schneiderei ist wichtiger als Theaterei - ... Amüsiertes Publikum, ausverkaufte Häuser. Das Deutsche Theater verfügt in Gülstorff, Werner Krauß über vorzügliche Lustspielkräfte; sie trieben einen tollen Jokus mit Ibsens jungem "Bund der Jugend". Man spielt nicht eigentlich das Stück, sondern benützt das Stück, um sich auszulassen. ...

Die schönste Aufführung, die ich lange in Berlin sah, in dem neuen Renaissance-Theater am Steinplatz in Charlottenburg. Direktor ist Theodor Tagger, der gute literarische Antezedenzien (in etwa: Voraussetzungen; man kannte ihn als Verfasser expressionistischer Lyrik und Dramatik, A.d.R.) hat. Offenbar auch gute literarische Absichten. "Miß Sara Sampson" von Lessing, Trauerspiel in fünf Akten. Dieses alte Stück ist vorzügliches Blut und spricht wie von heute an. - Die Aufführung in Berlin übte eine starke Wirkung. ... "

So fing es an. Wie es weiterging, erzählen wir Ihnen im nächsten Heft. Dazu sammeln wir Zeugnisse jeder Art, die die Geschichte des Renaissance-Theaters dokumentieren: Programmhefte, Besetzungszettel, Fotos, Zeitungsartikel usw. - Material, das wir im nächsten Jahr, zu Beginn der Jubiläums-Spielzeit in einer Festschrift publizieren möchten. Deshalb nun unsere Bitte an Sie, liebe Freunde des Renaissance-Theaters: Wer von Ihnen ist im Besitz derartiger Dokumente? Würden Sie uns diese zur Verfügung stellen (auch leihweise, zum Kopieren oder Fotografieren)? Wir freuen uns über jede Kleinigkeit, jeden Hinweis, auch über jeden Tip, wo eventuell etwas zu finden wäre!

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