Steffi Recknagel: Das Renaissance-Theater. Von den Zwanzigerjahren bis heute - Biografie einer Berliner Bühne.
Henschel Verlag Berlin, 264 Seiten, 2. erweiterte Auflage 2008, 14,90 EUR

Die Geschichte des Renaissance-Theaters wurde von der langjährigen Dramaturgin des Hauses, Steffi Recknagel, in Form eines Buches festgehalten. Erschienen ist der Band in erweiterter Neuauflage 2008.

„Ein Hexenmeister“ sei Oskar Kaufmann, bewunderte man 1927 den Architekten, der in das Charlottenburger Eckhaus ein Juwel der Theaterbaukunst hineingezaubert hatte. „Ein Spezialist des Genitalischen“ sei Ferdinand Bruckner, hieß es 1928 über den Autor von Krankheit der Jugend, einem Sensationserfolg im Renaissance-Theater. Diesen beiden Persönlichkeiten verdankt das Renaissance-Theater seine Existenz, hatte doch Bruckner alias Tagger 1922 die Bühne gegründet. So spannend wie ihre ersten Jahre erweist sich ihre gesamte Biografie ? eine bislang kaum beachtete Facette der Geschichte Berlins. Was hat Döblins Roman Berlin Alexanderplatz mit dem Renaissance-Theater zu tun? Warum inszenierte der Gründer des Theaters ein aufwendiges Verwirrspiel um seine Person, das zur „literarischen mysterystory der späten zwanziger Jahre“ (Alfred Kantorowicz) wurde? Wie kam es, daß sich Berlins häßlichstes Schlauch-Theater in Europas schönstes Art-Deco-Theater verwandelte? Woran scheiterte Walter Ulbrichts Plan, Heinz Rühmann zum Intendanten zu machen? Was verband Olga Tschechowa, Friedrich Hollaender, Tilla Durieux, Helene Weigel, Curt Goetz, Theo Lingen, Grete Mosheim, Elisabeth Bergner, O. E. Hasse, Victor de Kowa, Harald Juhnke und so viele andere mit dieser Bühne?

Auch Fragen wie diese beantwortet das erste Buch zur Geschichte des Renaissance-Theaters, die zugleich ein Stück Berliner Kultur- und Zeitgeschichte ist, aufgezeichnet von der langjährigen Dramaturgin des Hauses, Steffi Recknagel.

Dazu schreibt Hans Magnus Enzensberger: „Kann man Theater erzählen? Man kann nicht nur, man muß; denn diese vergnüglichste aller Künste ist nicht nur reich an amüsanten und abenteuerlichen Geschichten; sie ist auch auf ihr Gedächtnis angewiesen, wenn sie nicht zum platten Event-Spektakel verkommen will. Das Renaissance-Theater kann auf eine stolze Tradition zurückblicken. Die es heute mit Leben erfüllen, haben nicht im Sinn, sich auf ihr auszuruhen. Im Gegenteil. Die Geschichte des Hauses zeigt, daß es ihm ? wie der Name Renaissance-Theater sagt ? stets um Erneuerung gegangen ist. So hat es noch jede Krise und jeden Untergang überlebt. Die Erinnerung daran hat es nicht auf Nostalgie abgesehen; sie ist dazu da, neuen Mut und neue Energien zu wecken. Das wird auch nötig sein, um dem anspruchsvollen Publikum, das in den letzten Jahren gewonnen worden ist, gerecht zu werden. Steffi Recknagel hat ein weitgehend unbekanntes Kapitel der deutschen Theatergeschichte erforscht, alte und neue Text- und Bildquellen erschlossen und ein Buch geschrieben, das, weit über Parkett und Bühne hinaus, viel über die Glücksfälle und Katastrophen besagt, von der die deutsche Hauptstadt in den vergangenen achtzig Jahren gezeichnet war.“

Auszüge:

„Sonst werden Theater zu Kinos – hier ist einmal ein Kino zum Theater geworden“, staunt die Vossische Zeitung am 19.Oktober 1922 , dem Tag nach der gelungenen Eröffnung des Renaissance-Theaters.

Durch die stille Hardenbergstrasse schimmert jetzt allabendlich ein magisches Geleucht. Wer Licht und Farbe liebt wird unwiderstehlich angezogen und steht entzückt vor dem Märchenpalast des Renaissance-Theaters. Einmal angelockt tritt der neugierige Straßenpilger ins Innere und hat seine Freude an der köstlichen Pracht des Feenschlößchens. Der Innenraum hält, was die Fassade verspricht,“ schreibt der Vorwärts am 17.01.1927.

Arthur Schnitzler und Frank Wedekind wieder auf einer deutschen, wieder auf einer Berliner Bühne! Die Tatsache wird zum Ereignis, dokumentiert das Ausmaß der geistigen Wandlung. Dem deutschen Theater, der Kunst des Menschendarstellers ist die Freiheit zurückgegeben. Die Weltliteratur wird ohne Beckmesserei und Rassenwahn wieder zum Spiegelbild des Lebens, Berlin trotz Trümmer und Schwierigkeiten wieder zur Theaterstadt von Ruf und Beispiel werden. Das Renaissance-Theater gab zum neuen Theaterschaffen den Auftakt,“ ist am 10.07.1945 in Das Volk zu lesen.

„Der blaue Engel ist nach Berlin zurückgekehrt. Mit Marlene kommt Marlene Dietrich wieder nach Hause, ohne Polemik, ohne Groll. Es hat der Magie eines Theaters bedurft, um sie wieder lebendig zu machen und ihr den triumphalen Empfang zu bereiten. Es ist, als wollten ihre Mitbürger sich von ihr auf der Bühne verabschieden, bevor sie sie verewigen – bevor der symbolischste Platz in der Mitte der wiedervereinigten Hauptstadt nach ihr benannt wird. Dieses Wunder hat lange auf sich warten lassen,“ schwärmt der Corriere della Sera am 11.07.1998

„Ist es nicht ein Wunder, dass von der untergegangenen Artenvielfalt des kulturellen Biotops im Berlin der Zwanzigerjahre diese Großstadtblüte Zerstörung, Zeiten der Monokultur und Vergessen überlebt hat? Solange hier Theater gespielt wird, blüht das Leben,“ so endet das Vorwort der Autorin und langjährigen Dramaturgin des Hauses Steffi Recknagel zu ihrem Buch. So beginnt für den Leser aber auch die wunderbare Reise durch die Geschichte einer Berliner Bühne von ihren Anfängen bis in die Gegenwart.

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