DIE SPIELZEIT 2013 / 2014

Die erste Premiere der neuen Spielzeit stand am 24. September 2013 auf unserem Spielplan. In VENUS IM PELZ wagt es doch tatsächlich Thomas, einer dieser modernen Macho-Broadway-Regisseure, den 1870 von Leopold von Sacher-Masoch geschriebenen Roman "Venus im Pelz" für die heutige Zeit zu bearbeiten. Von dem "Erfinder" des Masochismus geschrieben, wurde das Buch bewundert, verschmäht und stand in Deutschland sogar bis 2001 auf dem Index. Thomas scheitert allerdings schon bei der Besetzung für die Hauptrolle. Keine der 35 Bewerberinnen entspricht seiner Vorstellung. "Zu alt, zu jung, zu dick, zu dünn, mit Brille oder wie eine Nutte." Aber dann erscheint Wanda, die zufällig den Namen der Hauptfigur im Roman trägt, scheinbar eine abgetakelte Schauspielerin. Doch wer ist diese Frau? Das Vorsprechen beginnt. Mit Humor und Intelligenz, einfach unwiderstehlich, verwickelt sie Thomas mehr und mehr in die erotischen Abgründe seines eigenen Textes. Die Grenzen der Wirklichkeit verschwimmen und ein Kampf der Geschlechter um sexuelle Anhängigkeit und Erniedrigung beginnt.

Der Autor David Ives erhielt 1994 den Outer Critics Circle Playwriting Award  für seinen Einakter “All in the Timing“. Außerdem arbeitet er als Übersetzer, Romanautor und regelmäßig für Film und Fernsehen. Die Uraufführung von „Venus im Pelz“ fand 2010 in New York statt.

Unter der Regie von Torsten Fischer und in einer Ausstattung von Vasilis Triantafillopoulos spielten in der deutschsprachigen Erstaufführung des Stückes an unserem Theater Anika Mauer als Wanda und Michael von Au als Thomas.

Die Berichterstattung der Presse über unsere Aufführung war sehr positiv: .... In feinst geschliffenen Dialogen wird vehement abgehoben ins Mythologische, Tiefenpsychologische, Moraltheoretische, Philosophische – auf daß uns die Rübe raucht bei all dem rasenden Gedankenfuror, der sich zuweilen auch verirrt ins Überdrehte. Wäre da nicht das sensationelle Doppel Anika Mauer und Michael von Au, auf deren federnde Souveränität sich Regisseur Torsten Fischer bei der deutschsprachigen Erstaufführung voll verlassen konnte. Was für ein Vergnügen, aber auch einigermaßen anstrengend. Letztlich triumphiert die elegante, hinreißende Präsenz der beiden Protagonisten. Das kleine Renaissance-Theater brilliert als großes innovatives Hauptstadt-Theater. Bravo!  - formulierte Reinhard Wengierek in der Berliner Morgenpost. Ebenso erfreut meinte Sabine Dultz im Münchner Merkur: … Anika Mauer ist von raffinierter Wandelhaftigkeit; makellos ihr Spiel vom Übergang des einen Ichs ins andere, von der Straßenhure zur Großbürgerin, von der Schauspielerin zur Göttin. Wer sie aber wirklich ist, bleibt das Geheimnis, das jeder für sich selbst zu lösen hat. Dem schillernden Leben von schön bis abscheulich steht relativ geradlinig der „asketische Lüstling“ gegenüber, dem Michael von Au virile Kontur verleiht. „Nichts Sinnlicheres als Schmerz, nichts Angenehmeres als Erniedrigung“: Das kann einer nun glauben oder nicht glauben. Auf jeden Fall aber ist es eine Lust, von Au zuzuschauen, wie er diese Rolle auslotet zwischen Männlichkeitsgetue, Unsicherheit, Komik und Verzweiflung.

Gut zwei Monate nach VENUS IM PELZ folgte unsere nächste Premiere am 1. Dezember 2013. Unter der Regie von Torsten Fischer und in einer Ausstattung (Bühne / Kostüme) von Vasilis Triantafillopoulos kam mit Oscar Wildes EIN IDEALER MANN ein Klassiker der Theaterliteratur – allerdings in aktualisierter Neuübersetzung und Überarbeitung der Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek – an unserem Theater zur Aufführung. Es spielten Heikko Deutschmann, Anke Fiedler, Anika Mauer, Ralph Morgenstern, Christin Nichols, Jürgen Thormann und Guntbert Warns.

Aber worum geht es im Stück? Der populäre Politiker Sir Robert Chiltern, gut aussehend, glaubwürdig und vermögend, steht kurz vor seinem Aufstieg ins Kabinett. Daß er seinen privaten Reichtum einem Insidergeschäft verdankt, getätigt am Anfang seiner Blitzkarriere, weiß nur Mrs. Cheveley, die Sir Robert nun erpreßt. Gegen seine Überzeugung soll er im Parlament für ein dubioses Projekt stimmen, in das Mrs. Cheveley investiert hat. Plötzlich steht Sir Robert vor der unschönen Entscheidung: Rücktritt oder Selbstverrat ist die Frage, auf die er eine Antwort finden muß.

Elfriede Jelinek gelingt es, mit ihrer Neufassung von Oscar Wildes böser Politik-Komödie die Welt des ausgehenden 19. Jahrhunderts in England grandios in unsere heutige Zeit zu transferieren. Sie verteilt genügend Seitenhiebe auf unsere unmittelbare Gegenwart, daß Ähnlichkeiten zu lebenden Personen durchaus gewünscht und beabsichtigt sind.

Unter der schönen Titelzeile Die Kunst der Macht schreibt dazu Doris Meierheinrich in der Berliner Zeitung: Am Ende faßt Lord Goring, der Dandy des Stücks, alles noch einmal zusammen: „Das Leben eines Mannes ist von höherem Wert als das einer Frau. Es hat größere Probleme, einen größeren Wirkungskreis, größeren Ehrgeiz“, Goring verlangsamt seine Rede bedeutungsvoll. „Das Leben der Frau“, so er weiter, „dreht sich um Gefühle. Das Leben eines Mannes schreitet nach den Grundsätzen des Verstandes voran und über alles hinweg, was sich in den Weg stellt. Es findet sein Ziel. Die Frau bleibt, wo sie ist.“ … Ja, Lord Goring (Guntbert Warns) hat mit seiner kleinen Predigt nicht nur völlig Recht, er hat auch mitten ins Herz des Ehrgeizes Ihrer Ladyschaft (Anke Fiedler) getroffen und so beharrt sie nicht länger auf den idealen Prinzipien, mit denen sie zuvor Gatten und Leben schmückte … sie ordnet sich ganz der blendenden Politikerkarriere Sir Roberts (Heikko Deutschmann) unter: Er wandert bald ins Kabinett. Moral ist kein Selbstzweck, das hat Lady Chiltern gelernt, sondern die Kunst der Macht. Sie muß sich danach richten, wie „Wohlstand und Frieden“ (Robert) bewahrt bleiben können … und für die Elfriede Jelineks freie Übersetzung Wildes Stück noch ein paar Windungen weiter ins aktuell Sarkastische schraubt. … Es gibt Momente, in denen diese Radikalität durchschimmert: kurz vor der Pause zum Beispiel, als Lord Chilterns kleiner „Fehler“ – der Erpressungsversuch einer weiteren Lady (Anika Mauer) macht ihn bekannt – offen liegt und er mit seiner Frau streitet, was denn nun „Liebe“ sei. Deutschmann und Fiedler steigern sich da beherzt in „Liebes“-Predigten, die ihre blanken Machtgelüste frei legen: sie durch Idealisierung des Makellosen, er durch Idealisierung des Fehlbaren.

Weit knapper, aber umso eindeutiger, urteilte Kultura Extra: Hochqualifizierte Unterhaltung. Superb gespielt.

Als dritte Eigenproduktion folgte am 23. Februar 2014 DIE IDEALE FRAU von William Somerset Maugham. Das Stück zählt zu den bekanntesten Werken des Autors. Unter dem Originaltitel „The constant wife“ feierte es im Jahr 1927 am Strand Theatre in London seine Uraufführung. In Deutschland wurde es seitdem vornehmlich unter dem Titel „Finden Sie, daß Constanze sich richtig verhält?“ gezeigt. Auch an unserem Theater stand das Stück in der Spielzeit 1951 / 1952 unter der Regie des damaligen Intendanten Kurt Raeck, mit Susanne von Almassy als Constanze, bereits einmal erfolgreich auf dem Spielplan. Es wurde auch mehrfach verfilmt - darunter im Jahr 1962 mit Lilli Palmer als Constanze. Für unsere Neuproduktion wurde das Werk nun in einer zeitgemäßen Neuübersetzung von Michael Raab auf unsere Bühne gebracht. Unter der Regie von Antoine Uitdehaag, einer Bühne von Momme Röhrbein und in Kostümen von Erika Landertinger spielten Marie Burchard, Tina Engel, Markus Gertken, Anika Mauer, Christian Schmidt, Nadine Schori, Susann Uplegger und Boris Aljinovic alternierend mit Rüdiger Wandel.

Das Stück erzählt die Geschichte von Constanze Middleton. Sie ist schön, klug, selbstbewußt und großzügig. Seit fünfzehn Jahren ist sie mit John Middleton glücklich verheiratet. Beide führen eine wirklich gute Ehe, voll Liebe, Vertrauen und Verständnis. Sie haben ein Kind, viele Freunde und sind Dank seiner Arbeit als erfolgreicher und viel beschäftigter Chirurg durchaus wohlhabend. Ihr Leben könnte kaum besser verlaufen, gäbe es da nicht einen winzigen Makel - zumindest gesellschaftlich betrachtet - denn seit gut einem halben Jahr pflegt John eine Affäre mit Constanzes bester Freundin Marie-Louise. Mittlerweile wissen nun auch tatsächlich alle darüber Bescheid und fühlen sich berufen, sie in Kenntnis zu setzen. Der Tratsch aber scheint Constanze zunächst völlig kalt zu lassen.

Die Kritiker äußerten sich begeistert bis überschwänglich. Besonders Anika Mauer wurde für Ihre Darstellung der Constanze Middleton gefeiert aber auch die durch unser Theater initiierte Neuübersetzung wurde ausdrücklich gelobt. Unter der Überschrift  Eine schrecklich nette Familie schreibt Patrick Wildermann im Tagesspiegel: „Die ideale Frau“ ist dieses grundbittere Lustspiel am Renaissance-Theater in der Regie von Antoine Uitdehaag betitelt. Michael Raab hat dafür eine treffsichere, nie platte Neuübersetzung vorgenommen, die behutsam die veraltete Fassung … entstaubt und heutig hörbar macht. … Glücklicherweise ist Uitdehaags Inszenierung, bei aller boulevardesken Komik, einige Liegen subtiler geraten. Vor allem hat er mit Anika Mauer eine Hauptdarstellerin, die schon alleine den Besuch lohnt. Wie sie ihre Constanze in der Balance zwischen Unergründlichkeit, Kraft, Stolz und Verletzlichkeit hält, ist von Helen-Hunt-Qualität. Überhaupt ein tolles Ensemble: Boris Aljinović hat einen sehr amüsanten Auftritt als gehörnter Mann von Marie-Louise (Marie Burchard), Christian Schmidt gibt den geistesschlichten Vorzeige-Ehemann John, Susann Uplegger macht das Beste aus ihrer Nebenrolle der Selfmade Woman Barbara. Markus Gertken spielt mit ungestümer Naivität Constanzes Jugendfreund Bernhard. Und Tina Engel ist wirklich klasse als eisern-abgeklärte Mrs. Culver, die über männliche Beschränkungen doziert. Die Themen, die der … Somerset Maugham hier anstößt, haben nichts an Aktualität eingebüßt. Was nicht nur die ewige Frage nach der Möglichkeit von Treue betrifft. Sondern vor allem die Durchleuchtung von Verhältnissen, die weniger auf Liebe als auf ökonomischen Abhängigkeiten basieren. … Constanze treibt damit ihr ganz eigenes Spiel. „Geben wir’s zu: ich war eine Schmarotzerin in deinem Haus“, provoziert sie John. Wie sie das Gleichgewicht wieder herstellt, ist die schönste Pointe des Stücks. Ähnlich überschwänglich urteilte Georg Kasch für die Berliner Morgenpost. Er titelt: Ein Triumph für Anika Mauer! Und fährt fort: Gleich zu Beginn ist klar: Constanzes Mann, ein wohlhabender Londoner Arzt, betrügt sie mit ihrer besten Freundin. Alle wissen das und zerreißen sich das Maul darüber. Constanze bleibt bei allem wahnsinnig gelassen, auch dann noch, als ihr glühender Verehrer Bernhard auftaucht. Sie ist die Einzige, die im emotionalen Durcheinander einen kühlen Kopf bewahrt – und triumphiert. … So hat William Somerset Maugham eine Rolle geschaffen, wie gemacht für kluge Schauspielerinnen wie Anika Mauer. Ihre feine Ironie kann sie hier in allen Nuancen ausspielen, ihre verletzliche Kraft, ihre Kunst, Gefühlsäußerungen genauestens zu dosieren. Seit Jahren schon ist sie der größte Trumpf des Renaissance-Theaters, diese Rolle ein würdiger Dank für ihren Dauereinsatz. Und ein Geschenk ans Publikum: Mit der Grandezza einer Hollywood-Diva bewegt sie sich auf der Bühne. Wenn sie Sätze sagt wie "Warum macht man Urlaub? Man will ausspannen, mal was anderes sehen und sich erholen. Wie soll ein Mann das denn hinkriegen, wenn er mit seiner Frau wegfährt?", die durchaus etwas Bitteres haben, dann adelt sie sie zur Pointe, läßt einen aber dennoch über die Doppelbödigkeit stolpern. … der Abend ein Triumph auch für das Stück, das in seiner Neuübersetzung von Michael Raab so frisch wirkt, das es viele aktuelle Seitensprung-Komödien souverän auf die Plätze verweist.

Sechs Wochen später am 10. April 2014, folgte unsere nächste Premiere. Mit WIR LIEBEN UND WISSEN NICHTS von Moritz Rinke stand der Text eines in Berlin lebenden Autors auf unserem Spielplan. Rinkes Theaterstück  ist das erfolgreichste deutsche Theaterstück seit Jahren. Die Uraufführung fand 2012 am Schauspiel Frankfurt statt. Das Stück wir, bzw. wurde an über 30 Bühnen national und international gespielt und für das Kino verfilmt. Nun inszenierte es an unserem Haus Torsten Fischer in einer Ausstattung (Bühne und Kostüme) von Herbert Schäfer und Vasilis Triantafillopoulos. Mit Gesine Cukrowski, Judith Rosmair und Tonio Arango waren drei Schauspieler, die zuvor noch nicht an unserem Theater gespielt hatten, besetzt. Hans.Werner Meyer stand nach langer Zeit (zuletzt war er in der deutschsprachigen Erstaufführung von Maria Goos’ ALTE FREUNDE 2006 engagiert) wieder auf unserer Bühne.

Angesiedelt hat Moritz Rinke – speziell für uns – sein Stück in Berlin: Zwei Paare treffen sich zum Wohnungstausch und lösen damit nicht nur eine Beziehungskrise aus, sondern einen erbitterten und abgründig komischen Kampf der Kulturen. Der altmodisch-melancholische Historiker Sebastian und der Computerfreak Roman stehen einander unversöhnlich gegenüber. Währenddessen finden ihre Frauen Hannah und Magdalena zur eigenen Überraschung Gefallen am Mann der jeweils anderen, was zu erheblichen Verwerfungen führt. Hannah muß für einige Zeit nach Zürich, um dort Zen-Kurse für überarbeitete Bankmanager zu geben. Ihr Lebensgefährte  Sebastian soll sie begleiten. Im Gegenzug werden Roman und die Tierpsychologin Magdalena, das Heim der anderen in Berlin bewohnen. Praktischerweise teilt man sich den Umzugstransporter: hinfahren – ausladen, einpacken – zurückfahren. Aber so ein Tausch hat auch seine Tücken.

Moritz Rinkes Stück verhandelt hochkomisch aktuelle Zeitphänomene, ohne die ernsten Grundsatzfragen aus den Augen zu verlieren. Wie fremd sind wir uns selbst geworden? Wie finden wir wieder zu uns zurück? Wie wollen wir in Zukunft lieben und leben?

In Moritz Rinkes neuem Stück prallen gleich mehrere Welten aufeinander: Roman (Tonio Arango), ein technikgläubiger, gehetzter und vernetzter Mensch, trifft auf den Intellektuellen Sebastian, der Benutzerkennwörter am liebsten in seine Bücher schreibt und Typen wie Roman zutiefst verachtet. Hans-Werner Meyer spielt Sebastian als charmanten Plauderer mit Potenzial zu Wutausbrüchen. Dazu kommen Hannah, bei Gesine Cukrowski eine mittelverständnisvoll-dominante Erfolgsfrau, die ihr Leben mit Hilfe einer Fruchtbarkeits-App durchplant, und die Tier-Therapeutin Magdalena, sexgeil und scheinbar recht naiv. Judith Rosmair gibt dieser Figur eine Doppelbödigkeit und Tiefe, die man nach Lektüre der Komödie nicht erwartet hätte. Regisseur Torsten Fischer vertraut dem gut gebauten Boulevardstück. Die knapp zweistündige Inszenierung ist flott und unterhaltsam, die Pointendichte hoch,  schrieb Stefan Kirschner in der Berliner Morgenpost. Peter von Becker führte im Tagesspiegel aus: Zum Heulen, zum Lachen, zum feinen Lächeln allemal. … Und da eben noch: Judith Rosmair. Diese wunderbare kleine große Schauspielerin als tiertherapeutische Brillenschlange ist fantastisch. Eine Bombe. Serviert fetzigste, fetteste Komik so schlank, so graziös, sie hat jeden Slapstick drauf, zeigt höchsten Witz mit tieferem Grund. Wenn sie mit aufgerissenen Augen und zum ewigen „O“ geöffnetem Kußlutschmund zu jener aufblasbaren Sexpuppe gefriert, die ihr Roman wohl im Geschäftsgepäck führt, erzählt sie in Sekunden ein ganzes Drama. Von ungeliebt Liebenden, wissend Unwissenden. Einmal mahnt Magdalena ihren (ihren?) Roman, sie müßten doch miteinander reden. Da antwortet er: „Wir haben immer gesagt, wenn wir nicht reden, dann trennen wir uns auch nicht.“ Ein toller Satz. Am Ende Premierenjubel.

Die letzte Eigenproduktion dieser Spielzeit feierte am 10. März 2013 ihre Premiere. Und ja, es war eine Feier, als sich nach 2 ½ Stunden DES NACKTEN WAHNSINNS der Vorhang für Michael Frayns DER NACKTE WAHNSINN schloß und das Premierenpublikum den Schauspielern und dem Kreativteam huldigte. Nach fast 20 Jahren war die „Mutter aller Theaterkomödien“ in der Neuinszenierung von Guntbert Warns, in einer Bühne von Momme Röhrbein und in Kostümen von Angelika Rieck wieder auf die Bühne des Renaissance-Theaters zurück gekehrt. Der Jubel war groß und das Stück von Michael Frayn mit Boris Aljinović, Robert Gallinowski,  Kai Maertens, Ralph Morgenstern, Christin Nichols, Nadine Schori, Katharina Thalbach, Rüdiger Wandel und Petra Zieser bescherte uns einen schönen Erfolg. 

Die Geschichte vom NACKTEN WAHNSINN ist schnell erzählt. Chaos pur: Die Truppe eines Tourneetheaters steht mit der Komödie "Nackte Tatsachen" unmittelbar vor der Premiere und nichts klappt. Kein Wunder, daß allmählich nicht nur die Nerven des Regisseurs blank liegen, wenn Dotty zum x-ten Mal ihr Requisit vergißt, Selsdon vom Alkoholkonsum abgehalten werden muß und Brooke schon wieder ihre Kontaktlinsen verloren hat. Und dabei hätten alle mit dem turbulenten Bühnenspaß, den sie proben, mehr als genug zu tun.

Die Idee zu seinem Stück hatte der Autor Michael Frayn, als er eines seiner Stücke einmal aus der Perspektive von hinter der Bühne sah. Von diesem Erlebnis inspiriert, schrieb er sein Erfolgsstück über die alltäglichen kleinen und großen „Tragödien“ hinter den Kulissen einer Theatertruppe. Der besondere Clou: Im zweiten Akt ist die Bühne um 180° gedreht und was dem Zuschauer sonst verborgen bleibt ist sichtbar.

Nachdem am Renaissance-Theater Berlin in den letzten 15 Jahren alle großen Stücke von Michael Frayn, darunter DEMOKRATIE, VERDAMMT LANGE HER und KOPENHAGEN gespielt wurden oder sogar ihre deutschsprachige Erstaufführung feierten, war diese Neuinszenierung von Frayns Welterfolg mehr als an der Zeit. Dieser Theaterabend ist eine grandiose Liebeserklärung an das Theater und eine herrliche Herausforderung für das Ensemble.

Einmal mehr waren die Kritiker begeistert und urteilten durchweg positiv. Wo Sardinen Türen knallen, so titelte Patrick Wildermann im Tagesspiegel, und fuhr fort: Wie schön sich die großen Bühnen gerade wieder auf dem Theatertreffen feiern lassen! Da vergißt man fast, was in der Regel hinter den Kulissen tobt: Eitelkeit, Mißgunst, Affären, Alkoholmißbrauch und Stümperei. Kein Autor hat diesen ganz gewöhnlichen Horror der Kunstproduktion lustiger und wahrhaftiger auf den Punkt gebracht als der Brite Michael Frayn in seiner Farce DER NACKTE WAHNSINN. … Guntbert Warns inszeniert den 2. Akt als furiose Stummfilmchoreograpfie aus geschwungenen Äxten, schmerzhaft platzierten Kakteen und lautlosen Schreien, als komisches Desaster-Ballett. Und Georg Kasch machte sich in der Berliner Morgenpost Gedanken über Das allerschönste Schmierentheater und meinte weiter: Diese Ölsardinen haben's in sich: Sie glänzen und bewegen sich, als wären sie echt, triefen scheinbar vor Fett, glitschen den Schauspielern durch die Finger und quer über die Bühne, daß es eine Freude ist. Kraftzentrum des Abends ist Katharina Thalbach, diese Vollblutvolksschauspielerin, die noch im hemmungslosen Übertreiben grandiose Wirkung erzeugt. Wie sie mit den Augen rollt und krächzt und bellt als alte Schauspielerin Dotty, die eine rotzige Haushälterin verkörpert, mit den jüngeren Kollegen rummacht, frei den Text improvisiert und herzhaft mit den Requisiten-Sardinen kämpft, bringt die Farce auf Höchsttouren. Wenn sie hinter der Bühne mal wieder auf allen Vieren unterm Fenster entlang kriecht, damit sie das fiktive Publikum nicht sieht, wenn sie sich im Telefonkabel verheddert, vibriert der Saal vor Lachen. Dieser NACKTE WAHNSINN wird ein Renner. Das liegt am Stück, klar: Schon über 150 Mal wurde es bislang im deutschsprachigen Raum inszeniert. Aber daneben an der Besetzung und an Guntbert Warns' Regie. Der Schauspieler kennt den Betrieb von allen Seiten. Entsprechend hochtourig beschleunigt er Handlung und Verwirrung, derart, daß im Akt hinter der Bühne ständig alle in Bewegung scheinen in einer fein abgestimmten Pantomimen-Choreografie. Oft weiß man nicht, wo man gerade hingucken soll in diesem verflixt-wunderbaren Tohuwabohu. Es ist der nackte Wahnsinn, bis in den Schlußapplaus hinein.

Auch auf eine Gastspielpremiere können wir in der abgelaufenen Spielzeit 2013 / 2014 zurückblicken. Am 31. Januar 2014 hatte Joseph Kesselrings Klassiker des schwarzen Humors ARSEN UND SPITZENHÄUBCHEN bei uns Premiere. Diese Produktion des St- Pauli Theaters in Hamburg unter der Regie von Ulrich Waller, einer Bühne von Raimund Bauer und Kostümen von Ilse Welter punktete bei unserem Berliner Theaterpublikum besonders auch durch ihre herausragende Besetzung. Neben Eva Mattes und Angela Winkler als mordendes Schwesternpaar waren Uwe Bohm, Gerhard Garbers, Niels Hansen, Timo Klein, Deborah Kaufmann, Knut Koch, George Meyer-Goll, Christian Redl und Oliver Urbanski mit von der Partie. 

Die Handlung von ARSEN UND SPITZENHÄUBCHEN versetzt uns zurück in das Amerika der 1940er. Die beiden alten Damen Abby und Martha haben es sich zur Lebensaufgabe gemacht, einsame Herren von ihrem „Leiden“ zu befreien und befördern sie auf makabre Weise ins Jenseits. Turbulent werden die Ereignisse, als ihr Neffe Mortimer hinter ihr Geheimnis kommt. Als dann auch noch der zweite Neffe Jonathan samt Kompagnon und Leiche im Schlepptau auftaucht, ist die Verwirrung komplett. Die Tanten und Jonathan wetteifern um die meisten Leichen, während Mortimer Schlimmeres zu verhindern versucht.

Die skurrile Kriminalgroteske um die zwei schwarzen Witwen war Anfang der vierziger Jahre ein Hit am Broadway und bald darauf als Film ein Welterfolg. Joseph Kesselrings Komödie spielt nicht nur erfolgreich mit verschiedensten Genres, sie zeigt auch das angeblich so moralische und ordentliche Bürgertum am morbiden Abgrund seines Wahnwitzes. Dieser Klassiker des Unterhaltungstheaters ist getränkt mit angelsächsisch- schwarzem Humor. Nichts erscheint mehr unmöglich in einer völlig aus den Fugen geratenen Welt. Wirklichkeit und Fiktion gehen durcheinander. Das Phantastische, die Anarchie und die Exzesse des Bösen überwuchern die Realität und kommen wahrhaftiger daher als eine neurotische Ordnung.

Bereits die Hamburger Presse besprach die Aufführung sehr gut. Das muß man gesehen haben, so war im Hamburger Abendblatt zu lesen. Oder Spitzenensemble entzückt mit Spitzenkomödie, so in der Welt. Aber auch die Berliner Presse war nach der Premiere hingerissen: Wenn Angela Winkler und Eva Mattes gemeinsam auf der Bühne stehen, ist das ein seltener Glücksfall. Die beiden großen Charakterdarstellerinnen kennen sich noch von der Arbeit mit dem legendären Peter Zadek und haben schon so manchen Bühnenexzeß hinter sich. Nun verlegen sie sich auf das Fach „Alte Schachteln“ – ein Mordsspaß im doppelten Sinne. Denn als tödliche Schwestern Abby und Martha Brewster in „Arsen und Spitzenhäubchen“ machen sie gute Miene zum bösen Spiel. …  Das Stück lebt vom Kontrast zwischen bürgerlicher Behaglichkeit und blankem Grauen. Aber „Arsen und Spitzenhäubchen“ ist nicht nur ein Klassiker des schwarzen Humor. Kesselring macht sich auch über das Theater lustig. Daß der Kritiker Mortimer sich die Haare rauft über die abstrusen Stücke, die er besprechen muß, ist das eine. Der Clou bei Kesselring aber ist: Die Realität kopiert hier das Theater, was Mortimer erst nicht kapiert. „Ich gebe dem Theater noch ein, zwei Jahre“, sagt auch Tante Abby. Aus dem Mund von Eva Mattes klingt das herrlich doppeldeutig. Zuvor beweisen Angela Winkler und Eva Mattes als Komplizinnen aber: Alter schützt nicht vor Verbrechen. Großer Jubel, schreibt zum Beispiel Sandra Luzina im Tagesspiegel.

Einmalig in dieser Spielzeit auf unserem Programm: Im Rahmen der Jüdischen Kulturtage 2013 las Dominique Horwitz am 20. August 2013 unter dem Titel EIN NASSER HUND IST BESSER ALS EIN TROCKENER JUDE aus der Autobiographie von Arye Sharuz Shalicar, eines in Berlin geborenen des Deutsch-Iraners, der Israeli wurde. Er erzählte die spannende Lebensgeschichte in der sich Shalicar vom Kleinkriminellen zum angesehenen Akademiker, vom vermeintlichen Moslem zum echten Juden, vom Berliner Jungen zum Pressesprecher der israelischen Armee, vom Heimatlosen zum tief Verwurzelten entwickelte. Im Beisein des Autors auf unserer Bühne, wurde dieser Abend – ganz im Sinne des Auftrags der Jüdischen Kulturtage – zur  gelungenen Mahnung an Toleranz und Versöhnung, jenseits der stets wiederkehrenden Befindlichkeitsdebatte zwischen Holocaust und Israelkritik. Der Liedermacher Klaus Hoffmann machte im Rahmen seines Leseabends ALS WENN ES GAR NICHTS WÄR in unserem Theater am 10. September 2013 die Tonaufnahme für seine neue Autobiografie als CD- Hörbuch. In dem Glamour Cabaret DIVA DIVA’S erweckte der Entertainer Sven Ratzke, begleitet von seinem hervorragenden Pianisten Charly Zastrau, am 14. April 2014 die Lieder der großen Divas der Sechziger Jahre wieder zum Leben. Mit großem Erfolg war auch das beliebte Lese-Duo Hans-Jürgen Schatz und Horst Pillau mit WIR LERNEN IHNEN DEUTSCH und WEIHNACHTEN KANN AUCH GUT GEHEN! - einer Fortsetzung des beliebten Weihnachtslesung NIE WIEDER WEIHNACHTEN aus den vergangenen Jahren - wieder auf der Bühne im Großen Haus vertreten. Auch der Entertainer Robert Kreis war mit seinen Programmen ACH, DU LIEBE ZEIT und – ab 23. März 2014 – mit MANCHE MÖGENS KREIS! weiterhin auf dem Spielplan präsent.

Dem „Repertoire-Gedanken“ folgend setzten wir auch im Verlauf der Spielzeit 2013 / 2014 auf bereits im Spielplan etablierte Wiederaufnahmen. In kürzeren, unter Umständen aber regelmäßigen, Serien waren so EWIG JUNG und DER VORNAME sowie PHÄDRA, VON HINTEN DURCH DUE BRUST INS AUGE, ICH WEISS NICHT, ZU WEM ICH GEHÖRE und ROT auf unserem Programm zu finden.

Aber nun zu unseren „kleineren“ Unternehmungen: Neben den Eigenproduktionen und Gastspielen wurden auch unsere literarischen Abende unter dem Titel LITERARISCHE STREIFZÜGE weiter gut gepflegt. So waren Manfred Lütz, Torsten Körner, Erika Pluhar, Horst Evers, Hanna Schygulla, Elizabeth Gilbert  und Moritz Rinke Gäste in unserem Theater.

Auch auf unserer kleinen Bühne im Bruckner-Foyer wurde die gesamte Spielzeit über mit schöner Regelmäßigkeit Theater gespielt. Dieser kleine Parallel-Spielplan wird mit seinem so vielschichtigen Angebot nach wie vor von den Liebhabern der kleinen literarischen Form bei Rotwein und Kerzenlicht ungemein geschätzt.  

Neben den „Klassikern“, dem Mascha Kaléko-Abend DU HÖRTEST MEIN GRAS WACHSEN sowie Denis Diderots RAMEAUS NEFFE in der Übersetzung von Johann Wolfgang Goethe, Hans Diehls wunderbaren Ringelnatz-Abend UND AUF EINMAL STEHT ES NEBEN DIR, SCHUBERTS WINTERREISE – EIN LEBEN IN LIEDERN, Hans-Jürgen Schatz’ LAMPENFIEBER UND ANDERE KATASTROPHEN, Jürgen Thormanns Abend über die Seefahrt DAS MEER DAS MEER und Vicki Spindlers Stück „UND MINDER IST OFT MEHR“ über den Goethefreund Christoph Martin Wieland, feierten wir auch Premieren im herrlichen Ambiente des Bruckner-Foyers:

Bissiger Humor zwischen Liebe und Zorn war das Markenzeichen des HEINRICH HEINE Abends, der mit Jens-Uwe Bogadtke und Jen Schenderlein am Piano am 18. August 2013 erstmalig im Bruckner-Foyer zu sehen war. Ihm folgte am 15. September 2013 unter dem Titel EINE BLASSBLAUE FRAUENSCHRIFT der Schauspieler Peter Maertens mit einer Lesung von Franz Werfels bedeutendster Erzählung. WER REGIERT UNS EIGENTLICH ZUM DONNERWETTER? Das war die Frage die Thomas Schendel stellte, als er am 18. Oktober 2013 mit Nico Stabel am Klavier an den berühmten Kritiker und Berlin-Biografen Alfred Kerr erinnerte.

Eine Erinnerung besonderer Art starteten wir anläßlich des 125. Geburtstages von Curt Goetz am 10. November 2013 unter der Überschrift HUMOR IST NICHT ERLERNBAR. Gemeinsam mit der Berliner Curt-Goetz-Gesellschaft präsentieren wir seit dem, jeweils Sonntagvormittags um 11.30 Uhr, in regelmäßigen Abständen die Einakter von Curt Goetz als Lesung. Eine Veranstaltung die sich großer Beliebtheit erfreut und uns zeigt, daß Curt Goetz, dieser fast vergessene Meister des feinen Humors, der unserem Theater so nahe stand, doch noch nicht ganz aus dem Gedächtnis der Berliner getilgt ist.

Auch die Deutsch-Israelischen Literaturtage - Eine Veranstaltung der Heinrich Böll Stiftung und des Goethe Instituts, gefördert von der Bundeszentrale für politische Bildung und der Botschaft des Staates Israel, in Zusammenarbeit mit dem Renaissance-Theater Berlin - waren 2014 bei uns im Bruckner-Foyer zu Gast. Am 13. April 2014 lasen und diskutierten die Autorinnen Nili Landesman (Israel) und Hannah Dübgen (Deutschland) gemeinsam mit der rbb-Moderatorin Shelly Kupferberg unter dem Titel HERR DER LAGE das Thema: Wie ist Leben ohne Glauben?

In der Spielzeit 2013/ 2014 war das Renaissance-Theater auch außerhalb Berlins wieder umfangreich präsent. Neben DER LETZTE VORHANG und ROT waren wir mit HELLO, I’M JOHNNY CASH, DER VORNAME und EWIG JUNG unterwegs.

Und auch auf einen Theater-Preis-Träger können wir in der Spielzeit 2013 / 2014 stolz sein: Der vom Berliner Theaterclub vergebene Publikumspreis „Goldener Vorhang“ wurde im Dezember 2013 an Boris Aljinović für seine Rolle als Finanzbeamter Frank Ritzel in Francis Vebers „Von hinten durch die Brust ins Auge“ verliehen.

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