DIE SPIELZEIT 2007 / 2008

Am 9. September 2007 starteten wir mit einem Coup in unsere Spielzeit 2007/ 2008: Dominique Horwitz als Charlotte von Mahlsdorf in der Deutschsprachigen Erstaufführung des Stückes ICH MACH JA DOCH, WAS ICH WILL (I am my own wife) von Doug Wright unter der Regie von Torsten Fischer. Mit dem Pulitzer-Preis und Tony-Award gekrönt war das Stück die Broadway-Sensation 2003/ 2004 und es erfüllt uns mit Stolz, die deutschsprachigen Rechte für dieses begehrte Werk erhalten zu haben. ICH MACH JA DOCH, WAS ICH WILL erzählt die Lebensgeschichte von Charlotte von Mahlsdorf, die 1928 als Lothar Berfelde in Berlin-Mahlsdorf geboren wurde, und schildert das Schicksal des vielleicht bekanntesten Transvestiten des letzten Jahrhunderts: von der Jugend im Dritten Reich, vom Konflikt mit dem Vater, vom Aufbau des berühmten Gründerzeitmuseums unter dem sozialistischen Regime in Ostberlin bis zum Medienruhm im wiedervereinigten Deutschland und der Frage, ob Charlotte von Mahlsdorf als IM für die Stasi tätig war. Es ist schon eine unglaubliche Geschichte, wie sie als homosexueller Mann das Nazireich überlebte und als Frau im Körper eines Mannes der grauen DDR etwas Glanz verlieh. Authentisch zu bleiben, aber nie die Theaterfigur ‚Charlotte von Mahlsdorf’, zu verraten war ein wesentlicher Ansatz des Abends. Die vorbildliche Unterstützung des Fördervereins des Gründerzeitmuseums in Mahlsdorf half hier sehr. Nicht nur Möbel aus Charlottes Sammlung wurden für das Bühnenbild ausgeliehen, auch die herrlichen Musikmaschinen und originale Kleidungsstücke konnte Dominique Horwitz auf der Bühne nutzen.  

Der Erfolg dieser Produktion bei Publikum und Presse bescherte dem Renaissance-Theater bislang mehr als 30 Mal ein ausverkauftes Haus, ein ebenfalls restlos ausverkauftes Gastspiel (14 Vorstellungen) an den Hamburger Kammerspielen, einen fulminanten Triumph der Produktion im Rahmen der Ruhrfestspiele Recklinghausen 2008 sowie weitere Gastspiele im deutschsprachigen Raum und eine mögliche Tournee. Zum ersten Mal durchbrachen wir mit dieser Produktion unser Prinzip des Ensuite-Spielens und setzten die Vorstellung zunächst in größeren, dann in kleineren Blöcken so an, daß sie konsequent jeden Monat auf unserem Spielplan angeboten wird. Auf diese Weise erreichten wir – fast wie im Repertoire – eine ständig wiederkehrende Präsenz des Abends, mußten jedoch feststellen, daß nach über 50 Vorstellungen das Interesse des Publikums langsam nachzulassen begann, die Anzahl der Berliner Theatergänger also vielleicht mittlerweile doch begrenzt ist.

Schnell folgte am 10. Oktober 2007 die Premiere unserer zweiten Eigenproduktion in dieser Spielzeit. WIND IN DEN PAPPELN von Gérald Sibleyras versetzt die Zuschauer in den August des Jahres 1959: Wie alle Tage haben die drei Veteranen des Ersten Weltkrieges Gustave, René und Fernand die Terrasse auf der Rückseite ihrer Seniorenresidenz in Beschlag genommen. Sie verteidigen ihre Bastion mit demselben Schwung, den sie früher gegen den Feind verwandten. Zuerst wird Schwester Madeleine der Kampf angesagt, die hier alles organisiert, denn irgendwie müssen die drei alten Haudegen schließlich die Zeit totschlagen. Der Erfolg der Produktion entsprach den internen Vorgaben und das Publikum applaudierte jeden Abend begeistert den Schauspielern Harald Dietl, Jörg Pleva und Jürgen Thormann. Zwei Tage nach der Premiere konnte man in der Morgenpost lesen: „Regisseur Torsten Fischer hat das feinsinnig-heitere Stück mit einem traumwandlerischen Gespür für treffliche Situationskomik und spitzzüngige Aperçus in Szene gesetzt. … Anrührend und ungemein witzig.“

Wie schon im Jahr davor, war auch 2007 das Renaissance-Theater wieder am Italienischen Theaterherbst in Berlin beteiligt, einem Festival, welches in Zusammenarbeit mit dem Kulturministerium Italiens, dem Europäischen Theaterinstitut Italiens und dem italienischen Kulturinstitut Berlin ausgerichtet wurde. Mit IL DEFICIENTE war Mitte November die Compagnia Teatrale C.R.E.S.T. di Taranto zu Gast. Leider reichte der Publikumszuspruch auch diesmal nicht an die Auslastung des Vorjahres heran.

Das genaue Gegenteil erlebten wir mit der lang ersehnten Wiederaufnahme des Klassikers „KUNST“ von Yasmina Reza. Bereits Wochen vor Spielbeginn waren die vier Vorstellungen ausverkauft, und Udo Samel, Peter Simonischek und Gerd Wameling konnten einmal mehr ihr Berliner Publikum zu Begeisterungsstürmen hinreißen.

Bereits kurz vor Jahreswechsel 2006/ 2007 feierte VERDAMMT LANGE HER (Donkeys' Years) von Michael Frayn in Deutschsprachiger Erstaufführung seine Premiere am Renaissance-Theater. Die Inszenierung von Torsten Fischer u. a. mit Suzanne von Borsody, Friedrich Schoenfelder und Markus Gertken entpuppte sich schnell zum Publikumsmagneten am Haus und bescherte Suzanne von Borsody den einzigen vom Publikum vergebenen Berliner Theaterpreis - den  Goldenen Vorhang des Berliner Theaterclubs 2007. Was lag also näher, als diese Produktion im Dezember 2007/ Januar 2008 noch einmal auf den Spielplan zu setzen? Am 6. Januar 2007 konnte, am Ende auch dieser überdurchschnittlich gut verkauften Aufführungsserie, die 75. Vorstellung gefeiert werden.

Einer weiteren Serie von ICH MACH JA DOCH WAS ICH WILL, unterbrochen durch das Gastspiel einer Koproduktion des Théâtre National du Luxembourg und der Ruhrfestspiele Recklinghausen unter dem Titel KONNTEST MICH MIT EINEM BLICKE LESEN mit der weltbekannten Schauspielerin Hannelore Elsner, folgte die Wiederaufnahme unserer, für den renommierten Friedrich-Luft-Theaterpreis der Berliner Morgenpost nominierten, Deutschsprachigen Erstaufführung von Ron Hutchinsons MONDLICHT UND MAGNOLIEN.  Noch einmal erzählte Regisseurin Tina Engel die Geschichte der Entstehung des Filmklassikers VOM WINDE VERWEHT aus der Sicht seiner Macher mit Jürgen Tarrach als Produzent David O. Selznick, Guntbert Warns als Regisseur Victor Flemming, Boris Aljinović als Drehbuchautor Ben Hecht und Barbara Kowa als Selznicks Sekretärin Miss Poppenghul. Leider blieb diese Produktion trotz phantastischer Kritiken auch diesmal den Erfolg beim Publikum schuldig. Im September 2008 ist MONDLICHT UND MAGNOLIEN von der Bayer Kulturabteilung für drei Vorstellungen nach Leverkusen eingeladen und ist damit Teil der Jubiläumsspielzeit anläßlich des hundertjährigen Bestehens des Bayer-Erholungshauses, der Hauptspielstätte des Unternehmens.  

Tennessee Williams hat mit seinem Klassiker der Moderne ENDSTATION SEHNSUCHT ein ungeheuer atmosphärisch dichtes, aufregendes und packendes Schauspiel geschrieben. Am 24. Februar 2008 hatte dieses Duell um Liebe und Sehnsucht als Koproduktion des St. Pauli Theaters, Hamburg, und der Ruhrfestspiele Recklinghausen in Zusammenarbeit mit dem Renaissance-Theater in unserem Haus Premiere. Altmeister Wilfried Minks führt Regie, und die Besetzung, angeführt von Ben Becker und Emanuela von Frankenberg, verspricht ein volles Haus. Ben Becker als Stanley Kowalski polarisiert und begeistert: „Es war sein Abend. Alle Vergleiche mit Marlon Brando verstummten. Ben Becker war toll“, schreibt die BZ und die Berliner Zeitung stellt fest: „Stanley Kowalski, der blonde polnische Amerikaner, wird verkörpert von Ben Becker. Groß ist sein Einsatz für die Kunst.“ Insgesamt 28 Vorstellungen werden bis Anfang April gespielt. Im Mai müssen vier weitere Vorstellungen angeboten werden, um das Interesse des Publikums vollends zu befriedigen.

Es folgte ebenfalls eine Koproduktion. Diesmal waren die Hamburger Kammerspiele, wie in der letzten Spielzeit schon mit VITA & VIRGINIA, unser Partner.  Fast könnte man sagen, daß die Produktion einem der wichtigsten Theatermenschen der Gegenwart gewidmet war: dem im Sommer letzten Jahres verstorbenen George Tabori. Sein Werk und seine Weisheit gehören im wahrsten Sinne des Wortes zum Weltkulturerbe. Sein Leben umfaßte beinahe ein ganzes Jahrhundert. Es war wie ein grandios gelebter Roman. Fast vierzig Stücke hat George Tabori im Laufe seines Lebens geschrieben. In MUTTERS COURAGE erzählt er die beinahe unglaubliche Geschichte seiner Mutter Elsa: An einem schönen Sommertag des Jahres 1944 wurde sie zusammen mit vielen anderen ungarischen Juden zusammengetrieben, um von Budapest nach Auschwitz deportiert zu werden. Schicksalhaft und durch eine überaus mutige Entscheidung im richtigen Moment, gelingt es ihr, der Hölle um Haaresbreite zu entkommen. Die Unerbittlichkeit, das nicht Vorhersehbare und der jüdische Humor sind die besonderen Merkmale dieser außergewöhnlichen Geschichte des virtuosen Dramatikers und Erzählers Tabori. Ein bewegendes Stück über Menschlichkeit in einer unmenschlichen Zeit. Wie einfach ist es anzuklagen. Aber um im Feind auch den Menschen zu erkennen, ohne von den Greueltaten wegzuschauen, dazu braucht es schon die Größe Taboris. Meisterhaft und - wie man es von ihm kennt - mit viel Humor verknüpft Tabori Anekdote, Kalauer, Sentiment, Witz und Weisheit in dieser tragikomischen Begebenheit. Mit Nicole Heesters und Markus Gertken standen Regisseur Torsten Fischer zwei kongeniale Darsteller zur Seite. „ … Nicole Heesters … spielt [Elsa Tabori] liebenswert, naiv - ohne ihre Figur je zu entmündigen. Und Gertken ist ihr ein guter Sohn, einer, der wohl um den Zwiespalt weiß, sich die Geschichte der Mutter literarisch anzueignen, der aber mit allem Trotz und als versierter, humorbegabter Erzähler das Recht auf die eigene Sicht behauptet“, so schreibt Der Tagesspiegel in seiner Premierenkritik. Trotz besten Wetters und der beginnenden Fußball-Europameisterschaft waren wir mit der Auslastung des Abends zufrieden und das Publikum dankte jeden Abend seinen Darstellern mit begeistertem Applaus.

Als dritte Eigenproduktion dieser Spielzeit hatte am 28. Juni 2008 die Deutschsprachige Erstaufführung von Stephen Temperleys SOUVENIR – EINE PHANTASIE ÜBER DAS LEBEN DER FLORENCE FOSTER JENKINS Premiere. Es spielten Désirée Nick und Lars Reichow unter der Regie von Torsten Fischer, in einem Bühnenbild von Vasilis Triantafillopoulos und in Kostümen von Andreas Janczyk.

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