GESCHICHTE DES RENAISSANCE-THEATERS
Das Renaissance-Theater und Gustav Hartung

"Der Neue Mensch", das neue Theater, der neue Staat waren Visionen, die aus der Katastrophe des Ersten Weltkrieges hervorgingen. Als szenischer Expressionismus eroberten sie das Theater, das im höfischen Dienst erstickt worden war. Sie aktivierten seine politisch-gesellschaftliche Funktion. Der Regisseur Gustav Hartung war einer der wichtigsten Vorkämpfer des expressionistischen Theaters, zuerst in Frankfurt a.M. und von 1920-1924 als Intendant des Landestheaters Darmstadt, das unter seiner Leitung überregionale Bedeutung erlangte.

Auch in Berlin war man auf ihn aufmerksam geworden. Am Deutschen Theater inszenierte er 1921 als Gast Fritz von Unruhs Preußen-Drama "Louis Ferdinand", das er zuvor in Darmstadt erfolgreich uraufgeführt hatte. Nach der Berliner Premiere schrieb ein Kritiker: Ein Mann, den Berlin braucht, und der hier mit seinem ersten Auftreten entscheidend siegte.

Im Februar 1927 brachte Hartung, inzwischen als freier Regisseur auf der Suche nach einem eigenen Theater in Berlin, ein weiteres historisches Drama des "Dichters der Republik" Fritz von Unruh zur - heftig umstrittenen - Uraufführung: "Bonaparte" mit Werner Krauß in der Titelrolle, wieder am Deutschen Theater. Für die kommende Spielzeit hatte er einen Pachtvertrag mit den Besitzern des Theaters des Westens abgeschlossen, von dem er jedoch Ende Juli überraschend zurücktrat.

Wenige Tage später veröffentlichte Theodor Tagger, der Direktor und Gründer des Renaissance-Theaters, Pläne für seine sechste Spielzeit (und für das Theater am Kurfürstendamm, das er kurz zuvor mit übernommen hatte). Er stellte mehrere Uraufführungen in Aussicht, u. a. Musils "Schwärmer", Stücke von Arno Holz und Ferdinand Bruckner (sic!); Wedekinds "Schloß Wetterstein" zur Eröffnung der Wintersaison und Gastregisseure wie Karlheinz Martin und Gustav Hartung. Und dann erschien am 6. Oktober 1927 im "Berliner Tageblatt" eine Anzeige, die ein französisches Gastspiel im Renaissance-Theater ankündigte. Erst auf den zweiten Blick fällt auf, daß die erste Zeile - Direktion Theodor Tagger - fehlt und es stattdessen in der letzten Zeile kleingedruckt heißt: 12.10. Beginn Direktion Hartung.

Was war passiert? Vieles spricht für folgendes Szenario: Ende September trafen sich beide Herren, um Hartungs Regievertrag auszuhandeln. Hartung stand unter Druck. Gerade war ihm die Übernahme des Theaters des Westens geplatzt wie vorher schon die eines Theaters in der Lützowstraße. Ein hämischer Zeitungskommentar hatte ihm nahegelegt, mit vollmundigen Ankündigungen zurückhaltender zu sein. Hartung mußte befürchten, daß die Geldgeber für sein Berliner Unternehmen absprangen.

Aber auch Tagger stand unter Druck. Unter dem Druck hoher Schulden. Machte ihm Hartung ein Angebot, das auszuschlagen er sich nicht leisten konnte? Wie auch immer: Tagger gab auf. Nicht nur seine soeben verkündeten Pläne, sondern das Theater, das er in die Welt gesetzt und erst wenige Monate zuvor nach dem Umbau durch Oskar Kaufmann als das schönste des Kontinents (Kurt Pinthus) wiedereröffnet hatte.

Zwei, maximal drei Wochen blieben Gustav Hartung, um sich auf den Amtsantritt als Direktor eines Berliner Theaters vorzubereiten. Was lag da näher, als mit einer erfolgreichen Inszenierung aus seiner Darmstädter Zeit zu beginnen. "Giovanni und Arabella" riß das Berliner Publikum allerdings nicht vom Hocker. Am kreuzbraven Titel wird's nicht allein gelegen haben. Obwohl er ein Indiz dafür sein könnte, wie der Regisseur mit dem Stück des Shakespeare-Zeitgenossen John Ford umgegangen ist, das eigentlich "Schade, daß sie eine Hure ist" heißt.

Für seine erste Inszenierung am Renaissance-Theater wählte der neue Direktor Carl Sternheims Komödie "Das Fossil", die vorführt, wie ein nurmehr lächerlich erscheinender General a.D. gefährlich lebendig werden kann. Sie fiel komplett durch. War der liebenswürdige Komiker Max Gülstorff in der Titelrolle eine Fehlbesetzung? Oder wollte das Publikum, durch die wachsende Konjunktur wirtschaftlich wieder einigermaßen saniert, nichts von politischen Bedrohungen wissen?

Binnen weniger Tage mußte abermals eine alte Hartung-Inszenierung wiederbelebt werden. Erst mit der nächsten Produktion, einem französischen Lustspiel, das einen Tag vor Heiligabend 1927 herauskam, konnte die neue Theaterleitung einen Erfolg verbuchen, der in die Weltliteratur einging. Genaugenommen war es die Bekanntmachung des Erfolgs: Die 100. Vorstellung von "Coeur-Bube" am Renaissance-Theater gehört zum Erlebnisbild der Großstadt in Alfred Döblins Roman "Berlin Alexanderplatz" - als lehrreicher Exkurs über die (stil)blühende Sprache der Theaterwerbung.

Daß Hartung sein Engagement für das zeitnahe, zeitkritische, Unruhe stiftende Theater auch als Theaterunternehmer nicht aufgegeben hatte, bewies er jetzt. Er inszenierte eine dramatische Provokation - "Krankheit der Jugend" von Ferdinand Bruckner, ein Stück über die verzweifelte Suche dieser Jugend nach einem Sinn, Ziel und Halt im Dasein, über junge Leute, die mit Sex und Drogen ein zynisches Fest der Selbstzerstörung feiern. Trotz des Risikos, daß man den Dichter und seinen Berliner Regisseur Schweine nennt1, stellte Hartung eine handfest konzentrierte theatermutige Aufführung auf die Bühne, ohne Angst vorm Lautwerden mit Geschrei und Seelenkrach, daß es nur so hinhaute1. Was keiner erwartet hatte, trat ein. Die Premiere am 26. April 1928 wurde ein überwältigender Erfolg, sowohl bei der Presse als auch beim Publikum. Die Inszenierung, bei der das große Talent der jungen Schauspielerin Hilde Körber entdeckt wurde, lief mehrere Monate. Vor allem aber bedeutete das Ereignis für den Autor Ferdinand Bruckner den Durchbruch zur Anerkennung als einer der wichtigsten Dramatiker der Weimarer Republik.

Man wollte am Schluß der Vorstellung den Verfasser dieses merkwürdigen Stückes sehen. Er zeigte sich nicht. Erzählt wird, daß er sich überhaupt nie zeigt, sondern nur aus irgendwelcher Ferne mit seinem Namen die Theaterdichtungen deckt, die man nun auf die Bühne bringt.2Noch ahnte niemand, wer sich hinter dem Pseudonym verbarg. Erst im Nachhinein enthüllt sich die kuriose Ironie dieses Erfolgs. Der Autor war Theodor Tagger, Gründer und Direktor des Renaissance- heaters, der wegen anhaltender Erfolglosigkeit wenige Monate zuvor sein Haus aufgegeben und Hartung vermacht hatte. Dieser wiederum konnte erst - und zwar unwissentlich - mit einem Stück des glücklosen Vorgängers seine künstlerischen Ambitionen einlösen; ja mehr noch: "Krankheit der Jugend" sollte der herausragende Höhepunkt von Hartungs zweieinhalbjähriger Direktionszeit bleiben und er selbst bis zuletzt im Unklaren über die Identität des Verfassers.

Nach der Premiere ließ Gustav Hartung Kritiken, Fotos und Programmhefte an "Herrn Direktor Dr. Tagger, Theater am Kurfürstendamm" schicken, mit der Bitte um Weiterleitung an Herrn Bruckner. Am Kudamm war unterdessen die Theaterhölle los, wie Tagger/Bruckner in seinem Kalender notierte. Er wußte nicht, wie er die Gagen zahlen sollte: Allein Wegener 4550,- M für 15 Tage. Am 25. April: Merkwürdig symbolisches Zusammentreffen: heute hat Lehmarm den Vertrag für das Theater am Kurfürstendamm fristlos gekündigt - morgen Premiere "Krankheit der Jugend". Mitte Juli schließlich streikten die Schauspieler am Kudamm wegen rückständiger Gage. So endete Taggers Direktorenlaufbahn. Damit aber das ungünstige Licht, in das er als Theaterleiter geraten war, nicht auch auf seine Dramen falle, mußte er weiterhin an dem Pseudonym festhalten.

Im Renaissance-Theater wurde während des Sommers "Krankheit der Jugend" unterbrochen und ein Lustspiel angesetzt - ein Flop, der den Gewinn des Bruckner- Erfolgs verschlang. Wenn es also den angeblich sicheren Kassenerfolg sowieso nicht gäbe, schlußfolgerte Hartung, dann spiele er lieber gleich auf Risiko.

Seine zweite Spielzeit eröffnete er mit "Ton in des Töpfers Hand" von Theodore Dreiser, die düstere "Tragödie einer Familie" armer Juden in New York. Caspar Neher schuf das Bühnenbild, Ernst Deutsch spielte die Hauptrolle. Die Kritiken waren achtungsvoll, aber ... Trotz einer ausgezeichneten Aufführung, fürchte ich, wird Herr Hartung nicht auf seine Kosten kommen. Drei Stunden Gruseln, begleitet von Gejammer und Gestöhne, sind schließlich etwas zuviel!, beschwerte sich Felix Hollaender.

In der Tat kamen nicht genügend Zuschauer, um die hohen Kosten zu decken. Wieso auf einmal doch die Menschen an der Kasse Schlange standen - diese schöne Geschichte steht in der nächsten Ausgabe. Außerdem wird von Hartungs hartnäckigen Bemühungen berichtet, politisches Theater zu machen, vom Ende seiner Direktion, seiner Prophezeiung und von der Wiederbegegnung mit Ferdinand Bruckner.

1 Paul Fechter. Deutsche Allgemeine Zeitung. 27. A. 1928
2 Max Hochdorf. Der Abend. Berlin. 27 4.1928



Überraschend gab Theodor Tagger, der Gründer des Renaissance-Theaters, die Direktion nach fünf Jahren auf. Sein Nachfolger wurde im Oktober 1927 der Regisseur Gustav Hartung. Wie er einem schockierenden Stück und seinem Autor Ferdinand Bruckner zum Sensationserfolg verhalf, schilderten wir in der letzten Gazette. Auch daß er nicht ahnte, wer dieser Bruckner in Wirklichkeit war. Mit einem düsteren Werk des Amerikaners Theodor Dreiser eröffnete er seine zweite Spielzeit.
Will Herr Hartung aus dem Renaissance-Theater ein Sensations- und Raritätenkabinett machen?1

Nicht nur Felix Hollaender fand Dreisers Tragödie "Ton in des Töpfers Hand", in der es um einen Sexualmörder geht, schlichtweg abstoßend: Dies hat mit Kunst nichts mehr zu schaffen.1 Prompt holte der Berliner Wortwitz die "Renaissance" vom Sockel runter und taufte die Bühne am Knie (heute Ernst-Reuter-Platz) "Reenes-Angst-Theater".

Mit einer geistesgegenwärtigen PR-Aktion ging Hartungs junger Dramaturg Rudolph S. Joseph gegen die Angst der Berliner vor dem Theater vor. In der Rezension eines Gastspiels des Moskauer Jüdischen Theaters, das eine Enttäuschung gewesen sei, entdeckte er den Satz: Besonders, wer eine Darstellung wie "Ton in des Töpfers Hand", mit menschenewigen Zügen, erschüttert gesehen hat2. Auf der Stelle ließ er das Taxi, in dem er gerade saß, kehrt machen und zum Mosse-Haus, dem Verlagsgebäude des "Berliner Tageblatts", rasen. Eine Anzeige mit diesem Zitat in der Sonntagsausgabe konnte die Rettung sein. Wieso? Weil es vom Kritiker-Star Alfred Kerr stammte, dessen Urteil schon oft über Erfolg oder Mißerfolg einer Aufführung entschieden hatte. Es war Samstagnachmittag, die Sonntagsausgabe also schon im Druck. Joseph aber weigerte sich, das Anzeigenbüro zu verlassen, bevor er nicht erreicht hatte, was er wollte. Auf sein Husarenstück, das ihm danach im Künstlerlokal Schwannecke keiner glauben wollte, war Joseph noch Jahrzehnte später stolz; und auf das Berlin der Zwanziger Jahre, wo das Unmögliche möglich war. Von diesem Sonntag an sei "Ton in den Töpfers Hand" ausverkauft gewesen; selbst in Schnee und Eis standen die Menschen Schlange an, um Billets zu kaufen3.

Ermutigt durch diesen Erfolg, brachte Hartung anschließend die Uraufführung eines Stückes über einen doppelten Untergang heraus, den Verfall einer Liebesbeziehung und der Habsburger Monarchie. "November in Österreich" von Richard Duschinsky war jedoch nicht zu retten und erlebte nur wenige Vorstellungen. Zum Glück liefen die nächsten Produktionen gut: Marcel Pagnols "Das große ABC" (das ein Welterfolg wurde), zunächst mit Eugen Klopfer, dann mit Max Pallenberg in der Hauptrolle, und Somerset Maughams "Die heilige Flamme". Somit konnte sich die Bilanz der Spielzeit 1928/29 sehen lassen.

Als die Direktion Gustav Hartung in die dritte Saison startete, deutete noch nichts darauf hin, daß sie mit ihren Kräften - den finanziellen und künstlerischen - schon bald am Ende sein würde. Zwei Inszenierungen, die die letzten sein sollten, demonstrierten noch einmal Har-tungs Stärken und Schwächen. Er hatte sich mit seinen Regiearbeiten an großen Stadttheatern und als Intendant einer Landesbühne den Ruf eines Vorkämpfers für die zeitgenössische gesellschaftskritische Dramatik erworben. Ihr galt auch jetzt, da er ein Privattheater leitete, sein Hauptinteresse. So entschied er sich wenige Wochen vor Ausbruch der Weltwirtschaftskrise für ein brandaktuelles Stück, das die Not der Arbeitslosen darstellte: "Stempelbrüder".

Überzeugt, das sei das richtige Stück zur richtigen Zeit, hielt er auch dann an ihm fest, als sich herausstellte, wer der unbekannte Verfasser in Wahrheit war: derselbe Richard Duschinsky, dessen "November in Österreich" erst wenige Monate zuvor dem Theater einen Flop beschert hatte. Entgegen dem Rat seines Dramaturgen, das Drama um einen arbeitslosen Tischler in einer Matinee-Aufführung zu zeigen, nahm er es in den regulären Spielplan auf.

Eine prominente Besetzung sollte das Risiko auffangen. Für die Rolle des Tischlers wurde Heinrich George verpflichtet, dessen Karriere Härtung schon am Schauspielhaus Frankfurt kräftig gefördert hatte. George bot sein ganzes Register auf, von demütiger Sanftheit bis zur äußersten Raserei, in der er Tische und Stühle zertrümmerte, quasi als Arbeitsbeschaffungs-maßnahme. Alfred Kerr nahm ihm die Rolle nicht ab: Er verstellt sich4. Georges Partnerin Hedwig Wangel, die einst bei Max Reinhardt gespielt hatte, verglich Kerr dagegen mit der großen Eise Lehmann; ihre stummächzende Familienmutter: mit dieser wahrheitsdichten, dieser unaufheblichen Sparsamkeit, kein Atom zu viel und keins zu wenig. Auch Felix Bressarts jüdischen Hausierer hob der strenge Kritiker hervor: glänzend verleiblicht in jedem Zug. Rudolph S. Joseph erinnert sich: Bressart war ganz in seinem Element von Komik und diskreter Menschlichkeit. Wie in einer anderen Rolle, später, in der Emigration: Wie Bressart da als ewiger Statist Greenberg vor den Nazis Shakespeares berühmten Shylock-Monolog spricht, ist einer der ergreifendsten Momente in Ernst Lubitschs genialem Film "Sein oder Nichtsein".

Doch aller Schauspielkunst zum Trotz fiel die Aufführung durch. Obwohl ein führender Sozialdemokrat wie Philipp Scheidemann - am 9. November 1918 hatte er die Republik ausgerufen - die Inszenierung für so wichtig hielt, daß sie im größten Theater Berlins gezeigt werden müsse. Einhellig lautete das Kritiker-Urteil: ein schwaches Stück. Stellvertretend sei der nach Alfred Kerr und Herbert Ihering wichtigste Berliner Kritiker, Emil Faktor, zitiert:

Auf das Thema der Arbeitslosigkeit wurde von mir, wenn von mangelnden Zeitstücken die Rede war, wiederholt hingewiesen. Es ist ein Problem, das die ganze Welt angeht. In ihm steckt die Haupttragödie unserer Zeit. Sie (...) aus der Alltäglichkeit zur typischen Bedeutung emporzusteigern, wäre Aufgabe eines geborenen Dramatikers. Richard Duschinsky ist ihr nicht gewachsen. Er habe wohl ein Stück im Sinn gehabt wie "Die Verbrecher" von Ferdinand Bruckner, hinter dessen raffinierten Methoden er weit zurückbleibt5. Ausgerechnet! Daß er mit Bruckner dem Renaissance-Theater seinen vormaligen Direktor und Gründer Theodor Tagger als leuchtendes Beispiel vorhielt, konnte der Kritiker nicht ahnen. Denn der hatte sich noch nicht ,geoutet'.

Dem zweiten Einwand gegen die "Stempelbrüder" begegnet man bis heute bei Theaterstücken dieser Art: Es lehnt sich innerlich etwas dagegen auf, daß da gut bezahlte Schauspieler mit den Zügen dieses Elends, das gleichzeitig draußen tausendfach im Osten Norden und Süden der Stadt lebt, auf ein Parkett von Leuten wirken, die über Mangel und Not wahrhaftig nicht zu klagen haben6. Alfred Kerr faßte sein Unbehagen gar in Reime: Eine Modemesse ... / Und als das Elend schrie, / Beguckten sie die Menagerie / Mit Interesse.

1 8-Uhr-Abendblatt Berlin. 21.9.1928
2 Berliner Tageblatt. 29.9.1928
3 Rudolph S. Joseph: Aus großer Theaterzeit, Alano Verlag 1994. S. 90
4 Berliner Tageblatt. 2.10.1929
5 Berliner Börsen-Courier. 2.10.1929
6 Deutsche Allgemeine Zeitung, 2.10.1929


Für den Regisseur Gustav Hartung erfüllte sich ein Traum, als er 1927 Direktor eines Berliner Theaters wurde, des Renaissance-Theaters. Er führte neue Stücke zeitgenössischer Autoren auf: Lustspiele, um die Kasse der Privatbühne zu füllen, und dramatisierte Zeitdiagno-sen, denen sein eigentliches Interesse galt. Wie zum Beispiel "Krankheit der Jugend" des noch unbekannten Ferdinand Bruckner eine Erfolgsinszenierung, mit der Hartung Theatergeschichte schrieb. Oder das Arbeits-losendrama "Stempelbrüder": ein folgenschwerer Mißerfolg.

Bis zur Pause war das Premierenpublikum vom Elend der "Stempelbrüder" echt ergriffen. Dann verschlimmerte sich ihre Not durch Krankheit. Arm und krank, das war den Zuschauern zuviel. Sie verweigerten weitere Anteilnahme und die, die davon hörten, den Kauf von Theaterkarten.

In dieser verhängnisvollen Lage warf Hartung alle Spielplan-Grundsätze über Bord und griff, wie viele andere Theater auch, nach einem bewährten Rettungsring: einer Offenbach-Operette. Angesichts der hohen Produktionskosten eine Verzweiflungstat, ein Tanz auf dem Vulkan. Unter der musikalischen Leitung von Theo Mackeben, textlich bearbeitet von Marcellus Schiffer, hinreißend ausgestattet von Paul Scheurich, prächtig besetzt mit Hermann Vallentin, Camilla Spira u. a. lief "Pariser Leben" gut, aber nicht gut genug. Am 12. Februar 1930 erklärte Gustav Hartung in einer Pressemitteilung, er sehe in dieser Theater- und Wirtschaftssituation keine Ziele mehr, die im exklusiven Raum des Renaissance-Theaters von mir verwirklicht werden müßten und legte die Leitung nieder.

Hatte die damals allgegenwärtige Krise ein weiteres Opfer gefordert? War dieser Rücktritt der Publikumskrise, ja der Krise des deutschen Theaters überhaupt zuzuschreiben? Eine Folge der Weltwirtschaftskrise, die in jenem Winter das Gespenst des Untergangs heraufbeschwor? Ein Kommentator verwies darauf, daß ein so kleines Theater mit einer sehr geringen Anzahl von Sitzplätzen sich bei der gegenwärtigen wirtschaftlichen Lage als alleinstehendes, selbständiges Unternehmen schwer führen läßt. Auch Herbert Ihering machte das Haus für Hartungs Scheitern verantwortlich, allerdings aus einem anderen Grund. Für ihn lag der Fehler in Oskar Kaufmanns Umbau zu einem Gesellschaftstheater im Schmuckkastenstil, der nur ein bestimmtes Stückgenre zulasse: das Gesellschaftsstück. Dafür aber gibt es zuviel Häuser im Berliner Westen, mehr Räume, als Werke geschrieben werden, sie zu füllen. In diesem Smokingtheater nun jedoch Elendsstücke wie die "Stempelbrüder" zu spielen, sei Hartungs Fehler gewesen: Er scheiterte an seinem falschen Ehrgeiz.

Dagegen erinnert sich Hartungs Dramaturg Rudolph S. Joseph sechzig Jahre später in einem durchaus (selbst)kritischen Rückblick mit höchster Achtung an seinen Chef, weil dieser an das Theater als moralische Anstalt glaubte, weil unter seiner Leitung das schöne Theater keine gutbürgerliche Wohnstube, sondern ein Schlachtfeld war, weil die Aufführungen vom Publikum deshalb leidenschaftlich bejaht oder verneint wurden. Während beim Besitzer des Hauses, Jakob Michael, die Bewerbungen Berliner und auswärtiger Theaterleiter um einen Pachtvertrag für das Renaissance-Theater eingingen, inszenierte Gustav Hartung am Lessing-Theater ein neues Stück von Luigi Pirandello: Heute abend wird aus dem Stegreif gespielt. Die Aufführung geriet zum größten Theaterskandal jener Jahre. Ein Höllenkonzert, ein Hexensabbath, so etwas hat Berlin noch nicht erlebt, schrieben die Zeitungen. Und daß Herr Hartung höchstselbst in diesen Kampf eingriff, aus sicherem Dunkel heraus 'Respektlose Bande!' in das kochende Publikum hineinbrüllte, machte die Sache nur noch schlimmer. (...) den Respekt ließ Herr Hartung zuerst vermissen, als er seinen Schauspielern zumutete, diesen Blödsinn zu mimen, uns, ihn anzuhören.

Im Jahr darauf übernahm Hartung zum zweiten Mal die Intendanz des Hessischen Landestheaters Darmstadt, das während seiner ersten Amtszeit, von 1920 bis 1924, als eine der modernsten deutschen Bühnen galt. Auch jetzt setzte Härtung auf zeitgenössische Dramatik, ohne den an anderen Theatern inzwischen üblichen Anteil völkischer Autoren. Er spielte Andre Gide, Erich Kästner, Franz Werfel, Zuckmayer und Eise Lasker-Schüler. Die Nazis werteten das als Ausdruck der ,Verjudung' des Theaters. Sie lösten eine Hetzkampagne gegen Härtung aus. Die geplante Uraufführung von Brechts "Heilige Johanna der Schlachthöfe" wurde polizeilich verboten. Als Härtung sich weigerte, Mitarbeiter ,nichtarischer Abstammung' zu entlassen, und den Spielplan der /nationalsozialistischen Bewegung' zu unterstellen, ,war er nicht mehr tragbar', wie es damals hieß. Er emigrierte noch im März 1933 in die Schweiz. Von dort kommentierte er öffentlich in scharfer Form die Vorgänge im Hitler-Land, ein Ausnahmefall unter den nichtjüdischen Theaterleuten.

Die letzte Darmstädter Regiearbeit des Intendanten Hartung hatte Ende Februar 1933 Premiere - eine Uraufführung des Schauspiels "Die Marquise von O" nach Kleist. Der Autor: Ferdinand Bruckner. Proteste und Drohungen der Nazis begleiteten die unter Polizeiaufsicht stattfindenden Aufführungen, die bald abgesetzt wurden. Das Drama sei eine "Schändung Kleists". Zur selben Zeit hielt sich Bruckner in Wien auf, anläßlich der österreichischen Erstaufführung der "Marquise". Er kehrte nicht mehr zurück. In Nazi-Deutschland wurde sein Gesamtwerk verboten und unter seinem bürgerlichen Namen Theodor Tagger in die ,Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums' aufgenommen.

 Daß sich die Wege von Bruckner und Härtung in diesem Moment wieder kreuzten, ist ein bemerkenswerter Zufall. Erst Ende Dezember 1930 hatte Bruckner eines der erstaunlichsten Täuschungsmanöver der deutschen Theater- und Literaturgeschichte beendet und sich als Theodor Tagger zu erkennen gegeben. Auch Härtung hatte erst dann erfahren, daß Tagger, durch den er Direktor des Renaissance-Theaters wurde, und Bruckner, dessen Stück "Krankheit der Jugend" er dort aufgeführt hatte, dieselbe Person waren. Nun begegneten sie sich wieder: zwei Emigranten, die vor dem Nichts standen und dennoch nicht vorhatten, sich von den Nazis einschüchtern zu lassen.

Unter dem Eindruck der Schreckensnachrichten aus Deutschland begann Bruckner schon im Frühsommer 1933 das Stück "Die Rassen" zu schreiben, die erste direkte Auseinandersetzung mit dem NS-Regime. Es handelt vom Eindringen der NS-Ideologie, des Irrationalen und Rauschhaften in das Leben junger Menschen, von der Preisgabe humanistischer Wertvorstellungen, von der Wandlung junger Idealisten zu Schlägern.

Hartung bereitete am Schauspielhaus Zürich die Uraufführung mit größter Umsicht vor. So war zu bedenken, daß die Schauspieler, die mitspielten, nicht mehr nach Deutschland zurückkehren konnten. Wegen eventueller Gegenaktionen mußte der Premierentermin so spät als möglich bekanntgegeben werden. Während Bruckner noch am 3. Akt arbeitete, begann Härtung mit Sybille Binder, Therese Giehse, Emil Stöhr, Erwin Kaiser u. a. zu proben.

Am Premierenabend, dem 30. November 1933, war das Theater von Polizei umstellt, zum Schutz vor Übergriffen durch Schweizer Nazis. Spätere Vorstellungen wurden von organisierten Pfeifkonzerten, gegen die sich Bravo-Rufe erhoben, gestört.

Bruckner emigrierte schließlich in die USA; Hartung blieb in der Schweiz, obwohl die Deutsche Gesandtschaft ihm, dem ,Feind der kulturpolitischen Maßnahmen des Reichs', auch dort das Leben schwer machte.

Am Ende war Sarkasmus. Im letzten Brief, den Hartung kurz vor seinem Tod 1946 an Bruckner schrieb, heißt es über "Die Rassen": Alles Pathologische, das dieses Stück aufzudecken sucht, ist ja in schönster Blüte zur Entfaltung gekommen.

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