GESCHICHTE DES RENAISSANCE-THEATERS
Das Renaissance-Theater und Ferdinand Bruckner



Theodor Tagger alias Ferdinand Bruckner
(1891-1958)

Der Gründer des Renaissance-Theaters Theodor Tagger, der sich als Dramatiker Ferdinand Bruckner nannte, stiftete in den zwanziger Jahren mit dem Versteckspiel um seine Namen beträchtliche Verwirrung. Nachdem er die Leitung des Renaissance-Theaters an Gustav Hartung abgegeben und selbst das Theater am Kurfürstendamm übernommen hatte, bot ihm ein Freund das Stück KRANKHEIT DER JUGEND von Ferdinand Bruckner an. Tagger lehnte ab. Hartung führte es am Renaissance-Theater auf - mit großem Erfolg. Rudolph S. Joseph, damals Hartungs junger Dramaturg, erzählt:

 Nach dem Erfolg von "Coeur-Bube" war die Versuchung groß, diesen mit einem anderen Lustspiel von Niveau zu wiederholen. Lonsdales "Aren't we all?" hatten wir unter Vertrag, und die Besetzung wäre mühelos gewesen. Aber jetzt sollte Hartung zu seinem Recht kommen zu zeigen, wie fähig er war, dem Berliner Spielplan Stücke von literarischem Wert hinzuzufügen, die das Publikum ansprechen sollten.

Ein interessanter Bühnenvertrieb, "Die Schmiede", hatte das Stück geschickt, das zwar bei Reinhardt angenommen war, dort aber keine Aussicht auf Aufführung hatte. Es war schon Hamburg und Breslau ohne Erfolg und besondere Beachtung gegeben worden. Aber beim Lesen überzeugte es, zu einem Platz in Hartungs Haus berechtigt zu sein.

Die maßgebenden Herren des Verlags wurden gebeten, zu Vertragsverhandlungen ins Renaissance-Theater zu kommen. Um welches Stück es sich handelt, wurde ihnen zunächst nicht gesagt. Das Schreibmaschinenmanuskript im gelben Kartonhefter lag mit der Titelseite nach unten auf dem Tisch. Nach erstem Sondieren entfaltete Hartung seine showmanship - ich kenne keinen entsprechenden Ausdruck im Deutschen dafür. Er drehte die Titelseite nach oben: "Krankheit der Jugend" von Ferdinand Bruckner. Spontane Schreie der Begeisterung von Dr. Wurm und Georg Salter bewiesen, daß dieses Stück ihnen am Herzen lag. So wurde es für die Direktion Hartung gesichert.

Die Besetzung bot keine Schwierigkeiten. Elisabeth Lennartz in einer der Hauptrollen, glaubhaft, von Mann und -Frau begehrt zu werden, Anni Mewes als ihre Freundin, Erika Meingast als die Studentin, die ihr den Liebhaber abspenstig machen will. Hans Adalbert von Schlettow als der brutale Verführer, Gillis van Rappard als das Streitobjekt zwischen den beiden Mädchen und Gustav Diessl als ein philosophierender Kamerad, der in keine erotische Kombination verstrickt ist.

Da war noch eine Rolle, das bayerische Dienstmädchen in der Studentenbehausung. Hilde Körber hatte keine gute Figur, die Zähne standen ziemlich schief, sie lief in einem Herrenmantel herum und trug ein Monokel. Das empfahl sie zunächst nicht für diese Rolle, aber sie hatte eine sanfte, umflorte, sinnliche Stimme und die Augen ohne Monokel hatten Ausdruck.

Wir wußten nicht, wer Bruckner war, und es hatte uns auch nicht interessiert. Als ein Journalist diese Frage stellte, wandten wir uns an "Die Schmiede". Wir sollten mit Frau Tagger sprechen, die seine Rechte vertrete. Die Auskunft war: Ein junger Arzt, der bei einem Patienten in Reims lebe. Das genügte uns.

Obwohl die Proben die Besetzung mit Hilde Körber rechtfertigten, wurde ich bei einem zufälligen Zusammentreffen von Frau Tagger mit Vorwürfen überhäuft. Ich ruiniere das Stück eines jungen Autors um einer Schauspielerin willen, die im Renaissance-Theater unter Vertrag steht. Ich berichtete Hartung entsetzt den Vorgang: "Die Taggers sind wirklich großartig. Selber können sie kein Theater führen, aber uns wollen sie reinreden, nur weil Frau Tagger den Bruckner vertritt." Der immer liebenswürdige Gentleman Theodor Tagger hatte sich zurückgehalten und seiner ungebärdigen Frau das Feld überlassen.

Der Schauplatz war ständig ein Studentenzimmer. Ein nicht ansprechender Raum mußte mit dem anspruchsvollen Zuschauerraum einigermaßen in Einklang gebracht werden. Um Geld zu sparen..., wurde kein Bühnenbildner engagiert. Diesmal wurden keine Möbel ausgeliehen, sondern billige gebrauchte bei Trödlern gekauft. Ein Hauptstück war ein altmodisches Sofa mit rotem Plüschbezug. Dieser wurde dann in verschiedenen Nuancen von Rot nachgefärbt, das Holz in Schattierungen von Braun überstrichen, die Wände in vielen, aber unauffälligen Varianten von Grün. So sollte das Auge des Zuschauers die einzige Dekoration annehmen wie ein impressionistisches Gemälde. Was noch fehlte, war ein Bild auf der großen Wand über dem Sofa.

Am späten Nachmittag vor der Premiere ging ich in eine Seitenstraße des Kurfürstendamms, wo sich ein Rahmenmacher befand. In diesem Laden hing eine billige, aber große Reproduktion von Rembrandts "Anatomie des Doktor Tulp". Die kaufte ich und brachte sie ins Theater, wo bald der Vorhang aufgehen sollte. Mit kaltem Tee wurden Stockflecken auf das Blatt gemacht - sicher konnte man sie selbst mit einem Opernglas aus der ersten Reihe nicht wahrnehmen. Aber nun war ich überzeugt, daß dem Erfolg nichts mehr im Wege stünde.

Es wurde ein Erfolg für Hartung als Direktor seines Privattheaters, für ihn als Regisseur - der erste in seinem Haus -, für die Darsteller und vor allem für Ferdinand Bruckner. Von diesem Abend an war er ein anerkannter Autor.

Nun wurde die Neugier wach: Wer ist Ferdinand Bruckner? Die Auskunft, ein junger Arzt, der bei einem Patienten in Reims lebt, fand nicht lange Glauben. Als in der nächsten Spielzeit seine "Verbrecher" in Heinz Hilperts vorzüglicher Aufführung am Deutschen Theater einer der größten Erfolge der Spielzeit 1928/29 wurde, steigerte sich die Suche nach der Person des Autors fieberhaft, aber keine Spur war zu finden. Alle möglichen Schriftsteller wurden unter einem Pseudonym vermutet. Die hochkultivierte Margarete Anton dachte sogar an Theodor Tagger selbst, in Erinnerung an seine früheren Gedichte, aber dem erfolglosen Regisseur und Theaterdirektor waren doch nicht zwei außerordentliche Dramen zuzutrauen.

Als wir "Krankheit der Jugend" annahmen, waren die "Verbrecher" schon unter Vertrag bei den Reinhardt-Bühnen. Wir erhielten dann das Vorrecht auf das dritte, noch nicht geschriebene Stück. S. Fischer (der Verlag, der Bruckner inzwischen unter Vertrag hatte, Anm. d. Red.) wurde von diesem Vorrecht in Kenntnis gesetzt. Als dieses Stück fertig vorlag, wurde es an die Reinhardt-Bühnen gegeben. Darauf klagte Hartung gegen den S.-Fischer-Verlag. Bei der Verhandlung war Frau Tagger als Vertreterin Bruckners zugegen. Der Anwalt des Renaissance-Theaters hatte nun auch den Verdacht, daß Tagger und Bruckner identisch seien. Er legte Frau Tagger eine handschriftliche Notiz vor: "Ist die von Ferdinand Bruckner oder Herrn Tagger?" - "Sie ist von Bruckner, nein, sie ist von meinem Mann - sie ist doch von Bruckner."

Nun war das Geheimnis gelöst, Tagger hatte unter Pseudonym geschrieben, weil er wußte, daß ein Vorurteil gegen ihn Erfolg fast unmöglich machte. Ein weiterer Grund war seine Verschuldung als Theaterdirektor. So konnte Bruckner Tantiemen kassieren, ohne daß Taggers Gläubiger Zugriff hatten. Es ergab sich eine groteske Situation. Als er beim Jakob-Michael-Konzern wegen seiner Schulden verhandelte, die er als früherer Pächter des Renaissance-Theaters hinterlassen hatte, mußte er vom Generaldirektor hören: "Sie hatten das Theater jahrelang ohne jeden Erfolg. Kaum hat es Herr Hartung, da findet Herr Joseph 'Krankheit der Jugend'. Warum konnten Sie diesen Erfolg nicht haben?" Tagger durfte nicht sagen: "Ich bin König Nicolo - ich bin Ferdinand Bruckner." Seine Tantiemen und sein Renommee wären in große Gefahr geraten.

Nun, nach den Erfolgen seiner beiden ersten Stücke, schadete die Identifizierung nicht mehr. "Elisabeth von England" mit Agnes Straub und Werner Krauss wurde ein Haupterfolg der Spielzeit 1930/31. ...

Den größten Erfolg bei der Premiere von "Krankheit der Jugend" hatte Hilde Körber. Die bis dahin kaum beschäftigte Schauspielerin war in ihrer Rolle unübertrefflich. Sie erhielt Beifall auf offener Bühne und - ganz ungewöhnlich - aus dem Zuschauerraum erklangen Rufe mit ihrem Namen. Viele Jahrzehnte später habe ich Bruno Adriani, diesen so verständnisvollen und theaterfreudigen Dezernenten des Kultusministeriums, gefragt, ob er sich an diese Rufe erinnere. "Erinnere? Ich habe sie doch angeführt." Ein hoher preußischer Beamter, der seiner Begeisterung Ausdruck gab, gegen alle Konvention. Auch das war Berlin der zwanziger Jahre.

aus: Rudolph S. Joseph "Aus großer Theaterzeit. Erinnerungen an das Theater der zwanziger Jahre" Alano Verlag, 1994

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