GESCHICHTE DES RENAISSANCE-THEATERS
Das Renaissance-Theater und Alfred Döblin

Was will das Publikum sehen? Welches Stück will welches Publikum sehen? Wie "verkauft" man ein Stück? Wie erfährt der Bewohner einer Millionenstadt, daß beispielsweise am Renaissance-Theater ein Stück gezeigt wird, das ihm gefallen könnte?

Manchmal kommt es einem vor, als seien diese Fragen heute, im Informations- und Kommunikationszeitalter schwerer zu beantworten denn je. Dann blicken wir neidvoll-sehnsüchtig zurück in die zwanziger Jahre.

In den Schaukästen am Renaissance-Theater gerade erkennbar: Plakate zu Coeur-Bube von Jacques Natanson, einem der damaligen Könige der Pariser Bühnen (Marcel Pagnol).

Das Stück brachte der Direktion Gustav Hartung 1927 nach einem Flop und zwei Stücken, die keine rauschenden Erfolge waren, den ersten Volltreffer. Es spielten Carola Neher (die am Beginn ihrer Karriere stand), Franz Lederer (der bald darauf ein internationaler Bühnen- und Film-Star wurde), Max Gülstorff, Oskar Sima (der jeden Abend zunächst seine Rolle im Braven Soldaten Schwejk bei Piscator am Nollendorf-Platz spielte, dann zum Taxi rannte, in dem ihn sein Garderobier für den zweiten Akt von Coeur-Bube umkleidete, um danach wieder mit dem Taxi zurückzufahren und den Schwejk zu Ende zu spielen) und eine Anfängerin: Hilde Körber.

Eine große Theaterzeit, die Blütezeit des Berliner Theaterlebens schlechthin - so schwärmen wir manchmal von den Goldenen Zwanzigern, als die Theater noch nicht vom Fersehen und Kino an den Rand der Freitzeitindustrie gedrängt wurden; als es noch ein gesellschaftliches Ereignis war, ins Theater zu gehen und die siebenunddreißig Berliner Theater samt Nachtvorstellungen und Matineen immer voll waren.

Für solche Momente nostalgischer Anwandlungen gibt es eine heilsame Medizin. Man nehme den Berlin-Roman aus jenen Jahren zur Hand: Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz. Dort findet sich eine kleine Glosse, eine literarische Perle, über die damalige PR-Arbeit des Renaissance-Theaters. Er selbst nennt sie einen lehrreichen Exkurs über öffentliche und private Ereignisse in Berlin. Lehrreich fürwahr, denn offenbar hatten die Theater auch damals ihre Mühen mit der Werbung. Aber ein lehrreicher Diskurs, der vor Witz und Scharfsinn nur so sprüht! Der bei aller kritischer Ironie ohne Diffamierung, ohne k.o-Schläge auf das Objekt der Betrachtung auskommt - da wird's einem dann doch wieder nostalgisch zumute.

In der Hardenbergstraße ist im Renaissancetheater unter reichen Jubiläumsehren das Stück 'Coeur-Bube', diese reizende Komödie, in der sich anmutiger Humor mit tieferem Sinn vereinigt, nun schon zum 100. Mal gespielt worden. Die Berliner werden durch Plakate aufgefordert, diesem Stück noch zu höheren Jubiläumsehren zu verhelfen. Man muß nun da freilich allerhand erwägen: Die Berliner können zwar allgemein aufgefordert werden, aber sie können doch durch allerlei Umstände verhindert sein, dem Ruf zu folgen. Sie können zunächst verreist sein und keine Kenntnis von der Existenz des Stückes haben. Sie können auch in Berlin sein, aber keine Gelegenheit haben, an der Litfaßsäule die Ankündigung des Theaters zu sehen, etwa weil sie krank sind und im Bett liegen. Das ist in einer Viermillionenstadt schon eine erkleckliche Menge von Menschen. Immerhin könnte ihnen durch den Rundfunk, Werbenachrichten um 6 Uhr abens, mitgeteilt werden, daß 'Coeur-Bube', diese reizende Pariser Komödie, in der sich anmutiger Humor mit tieferem Sinn vereinigt, nun schon zum 100. Mal im Renaissancetheater gespielt wird. Die Mitteilung könnte ihnen aber höchstens ein Bedauern abringen, nicht nach der Hardenbergstraße fahren zu können, denn hinfahren könnten sie, falls sie wirklich bettlägerig sind, keinesfalls. Im Renaissancetheater bestehen nach zuverlässigen Informationen keinerlei Vorkehrungen für die Aufnahme von Krankenbetten, die etwa durch Krankenwagen hier vorübergehend abgestellt werden.

Gar nicht außer acht zu lassen ist weiter der Hinweis: es könnte Menschen in Berlin geben und gibt es zweifellos auch, die das Plakat des Renaissancetheaters lesen, aber an seiner Wahrheit zweifeln, nicht an der Wahrheit des Vorhandenseins des Plakats, sondern an der Wahrheit, auch Wichtigkeit seines durch Drucktypen wiedergegebenen Inhalts. Sie könnten mit Unbehagen, mit Mißgefühl und Widerstreben, vielleicht mit Ärger dort lesen die Feststellung, daß die Komödie 'Coeur-Bube' eine reizende Komödie ist, wen reizt sie, was reizt sie, womit reizt sie, wie kommt man dazu, mich zu reizen, ich habe nicht nötig, mich reizen zu lassen. Es könnte ihnen die Lippen streng zusammenziehen, daß sich in dieser Komödie anmutiger Humor mit tieferem Sinn vereinigt. Sie wollen anmutigen Humor nicht, ihre Lebenshaltung ist ernst, ihre Gesinnung ist betrübt, aber hoheitsvoll, es sind einige Trauerfälle in ihrer Verwandschaft vorgekommen. Sie lassen sich auch nicht übertölpeln durch den Hinweis, daß ja tieferer Sinn mit dem bedauerlich anmutigen Humor verbunden ist. Denn nach ihrer Meinung kann eine Unschädlichmachung, Neutralisierung des anmutigen Humors überhaupt nicht stattfinden. Tieferer Sinn muß allemal allein dastehen. Anmutiger Humor ist zu beseitigen, wie Karthago von den Römern besiegt wurde oder andere Städte auf andere Weise, auf die sie sich nicht mehr besinnen können. Manche Leute glauben überhaupt nicht an den tieferen Sinn, der in dem Stück 'Coeur-Bube' steckt, das von den Litfaßsäulen angeboten wird. Ein tieferer Sinn: warum ein tieferer und kein tiefer? Soll tieferer tiefer sein als tief? So zanken diese.

Es liegt auf der Hand: in einer großen Stadt wie Berlin bezweifeln, bemängeln, bekritteln viele Menschen vieles und so auch Wort für Wort des vom Direktor für teures Geld angebrachten Plakats. Sie wollen überhaupt nichts wissen vom Theater. Und selbst wenn sie es nicht bemäkeln und selbst wenn sie das Theater lieben, und besonders das Renaissancetheater in der Hardenbergstraße, und wenn sie sogar zugeben, daß in diesem Stück eine Vereinigung von anmutigem Humor mit tieferem Sinn stattfindet, so wollen sie nicht daran teilnehmen, denn sie haben einfach heute abend was anderes vor. Damit würde die Zahl der Menschen, die nach der Hardenbergstraße strömen werden und etwa Parallelaufführungen des Stückes 'Coeur-Bube' in Nachbarsälen erzwingen könnten, sehr zusammenschmelzen.

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