GESCHICHTE DES RENAISSANCE-THEATERS
1930 bis 1946


Angesichts der allgemeinen Depression, die 1930 einsetzt, räumt auch Gustav Hartung den Direktorensessel des Hauses, dessen Name wegen der vielen Zeitkrankheiten, die auf seiner Bühne behandelt wurden, von den Berlinern zu 'Reenes-Angst-Theater' verballhornt worden war.

1937 beziehen die Reichsschrifttumskammer und das Wehrbezirkskommando X die Räumlichkeiten über dem Theater. Was auf der Bühne unter diesen Herren stattfindet, ist auffallend wenig dokumentiert.

Im Zuge der Enteignung der Privattheater durch die Nationalsozialisten wird das Renaissance-Theater 1943 das 'Kleine Haus des Schiller-Theaters der Reichshauptstadt' und kommt damit unter die Verwaltung von Kurt Raeck, der dem Intendanten Heinrich George die Geschäfte führt.

1945: 'berlin, eine radierung churchills, nach einer idee hitlers. berlin, der schutthaufen bei potsdam' (Brecht). Von den fünfzig Theatern steht kaum noch die Hälfte; die bespielbaren sind an einer Hand abzuzählen. Eines davon ist das Renaissance-Theater: Die Kriegsschäden haben das Innere des Hauses verschont. Hier gibt es am 27. Mai (!) die erste, vom sowjetischen Militärkommandanten genehmigte Theateraufführung. Gespielt wird Schönthans Posse 'Der Raub der Sabinerinnen', eine Staatstheater-Inszenierung aus der Zeit vor der "Pause" von Ernst Legal mit Hans Herrmann Schaufuß als Striese. Der Theaterkritiker Fritz Erpenbeck, der Ende April aus der Sowjetunion zurückgekehrt war, berichtet: "Im entscheidenden Augenblick blieb der Strom fort; die Elektrizitätswerke arbeiteten noch ganz sporadisch, und das Kabelnetz wurde durch gelegentliche Explosionen bald da, bald dort zerrissen oder durch Kurzschlüsse infolge fortwährender unterirdischer Wasserrohrbrüche unterbrochen. Endlich, am dritten Abend, nach einem neuerlichen Anmarsch durch Trümmer und Staub, sahen wir den Vorhang mit einiger Verspätung sich heben. In der Pause sah ich bewährte 'Leute vom Bau', die natürlich den Großteil der Zuschauer ausmachten, vor Ergriffenheit weinen."

Anfang Juli rücken die westlichen Alliierten in die Stadt ein. Die Engländer übernehmen u. a. Charlottenburg und beauftragen Karl Heinz Martin (bis 1945 Spielleiter am Schiller-Theater) mit der Eröffnung des Renaissance-Theaters. Er bringt am 7. Juli Schnitzlers "Grünen Kakadu" und Wedekinds "Kammersänger" (mit Hildegard Knef) heraus. Nach wenigen Vorstellungen beschlagnahmen die Briten dann das Theater für ihre Truppenbetreuung.

Im Sommer 1946 steht in den Berliner Tageszeitungen ein Inserat, in dem Bewerber für die Leitung des "frei" werdenden Renaissance-Theaters gesucht wurden. Unter den 85 Bewerbern ist auch Kurt Raeck, Dramaturg, Schauspieler und Regisseur mit Direktions-Erfahrungen am Lessing-, Hebbel-und Schiller-Theater. Er schreibt nur einen einzigen Satz: "Ich will dieses Theater als ein freies Theater leiten." Er bekommt die Lizenz.

"In der Zeit zwischen dem Aufgehen und dem Fallen des Vorhangs muß der Erfolg entschieden werden. Das Theater kann nicht warten, es ist dem Augenblick ausgeliefert und der Zeitstil ist deshalb sein Lebenselement. Das leere Theater ist immer Kraft- und Zeitvergeudung, das volle Haus schafft Maßstäbe für den Publikumsgeschmack. Dem Wort "Publikumsgeschmack" haftet zu Unrecht etwas Fragwürdiges und Minderwertiges an. Es spiegelt die gemeinschaftsbildende Kraft des Theaters, die in den unwägbaren Elementen fruchtbarer ist, als in den moralischen Wertsetzungen." (Kurt Raeck)

Die Eröffnungsvorstellung am 11. Dezember 1946 ist eine programmatische Kombination von literarischem Anspruch und Unterhaltung - Strindbergs "Fräulein Julie" gekoppelt mit "Boubouroche" von Courteline. Unter der Regie des 31jährigen Ernst Schröder spielen Ruth Hausmeister, Walter Franck und Aribert Wäscher.

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