GESCHICHTE DES RENAISSANCE-THEATERS
1926 bis 1930


Theodor Tagger hatte das Renaissance-Theater zwar mit Lessing eröffnet, betrieb es jedoch vor allem mit "erstaunlicher Skrupellosigkeit" (so der Kritiker Julius Bab) als eine Art Versuchsbühne für junge Autoren. Er übernahm zum Beispiel neue Stücke des jungen Brecht und Arnolt Bronnens von der "Jungen Bühne" des Deutschen Theaters, wo sie uraufgeführt worden waren. Das waren Dramen, die die bürgerlichen Vorstellungen von der Kunst und Ästhetik des Theaters sprengten, die den idealistischen Glauben an den Menschen zerstörten, die überquollen von Brunst und Sexualität, Mordlust und Perversion.

Im Juli 1926 fand die letzte Aufführung unter Taggers Direktion statt. Noch im gleichen Jahr baute der Theater-Architekt Oskar Kaufmann das Renaissance-Theater von Grund auf um. Kaufmann hatte bis dahin sage und schreibe fünf Berliner Theater gebaut: das Hebbeltheater in der damaligen Königgrätzer Straße (1908), das Theater am Nollendorfplatz (1912/13), die Volksbühne (1913/14), das Theater am Kurfürstendamm sowie die Komödie (1923/24). Nachdem er 1924 schon die alte Kroll-Oper umgebaut hatte, stand er nun wieder vor der heiklen Aufgabe, Bestehendes zu verändern. Die Voraussetzungen waren denkbar ungünstig: Der schlauchartige Saal mit etwa 250 Plätzen, zugänglich von der Hardenbergstraße aus, hatte den Ruf, häßlich und unzweckmäßig zu sein. Kaufmann errichtete einen halbrunden Vorbau mit fünf vorgezogenen hohen, schlanken Rundbogenfenstern aus blauem Glas, die abends von innen her als magische Theaterreklame leuchten, und gewann so eine Kassenhalle. Innen nahm er Wände und Decken heraus, verbreiterte den Zuschauersaal durch eine leichte Achsendrehung nach links: "Durch diese Schweifungen und Bauchungen wurde auch Platz für die Garderoben gewonnen, die früher, man höre und schaudere, im Keller lagen. (...) Nun betreten wir den Zuschauerraum. Ein solches Kleinod hat Kaufmann noch nicht geschaffen. Mit zwei mächtigen eingebauten Eisenträgern hält er die ganze Rang-Empore, die sich wunderschön in den Saal schmiegt. Das ist ein konstruktives Kabinettstückchen. (...) Die Akustik glänzend, denn man sitzt wie in einer großen Violine. Die Rangbrüstung Rosenholz mit Quermaserung.

Die Rundung der Rückwand aber trägt wundervoll geglückte Intarsien von César Klein, mit reichen Einlagen, wobei neben den farbigen Hölzern Schildpatt, Perlmutt, Achat und silbrig schimmernde Zinnleisten stehen. (...) Von Behagen und Komfort fühlt man sich in diesem Raum in die Arme genommen."

Was die einen als behaglich, komfortabel und intim feierten, galt den anderen in einer Zeit, da der Theaterrevolutionär Piscator mit seinen experimentellen Inszenierungen den Ton angab, als restaurativ und anachronistisch. Das hielt den neuen Direktor des Renaissance-Theaters, den bekannten expressionistischen Regisseur Gustav Hartung, der im Januar 1927 das neue Haus wiedereröffnet hatte, nicht davon ab, seinerseits ein Experiment herauszubringen; eine Aufführung, über die ein Kritiker schrieb: "Es wird vielleicht geschehen, daß man den Dichter und seinen Berliner Regisseur Gustav Hartung Schweine nennt."

Es handelte sich um das Stück "Krankheit der Jugend" von Ferdinand Bruckner. Den Namen hatte man bislang noch nicht gehört. Wer war dieser Bruckner? Erst anläßlich der Uraufführung des nächsten Bruckner-Stückes, "Die Verbrecher", am Deutschen Theater wurde das Geheimnis gelüftet: Ferdinand Bruckner ist identisch mit dem vormaligen Direktor des Renaissance-Theaters Theodor Tagger. Das Pseudonym (eine Huldigung an seine Landsleute Ferdinand Raimund und Anton Bruckner) hatte er sich zugelegt, um als Autor nicht unter dem Ruf eines glücklosen Theaterdirektors zu leiden. Das Kalkül ging auf.

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