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PHÄDRA

von Jean Racine

Deutsch von Simon Werle

Theseus, der König Griechenlands, ist verschollen, er gilt als tot. Der Staat ist ohne Führung, der Thron verwaist. Wer hat Anspruch auf die Macht? Seine Frau Phädra und in Folge später ihr gemeinsamer noch minderjähriger Sohn? Oder Hippolytos, von Theseus innig geliebter erster Sohn aus einer früheren Ehe mit einer Amazone? Jetzt müsste der Machtkampf entbrennen, doch in Phädra brennt ein ganz anderes Feuer, viel größer, viel rasender, das sie vollkommen zu verzehren droht. Sie, die griechische Königin, die Stiefmutter, sie liebt den jungen Hippolytos als Mann. So lange hat sie diese Liebe schmerzvoll verdrängt. Als jedoch die Nachricht vom Tode des Königs sie erreicht, bricht ihre mühsam erworbene Selbstbeherrschung zusammen und sie bekennt dem jungen Mann ihre wahren Gefühle. Dieser aber ist entsetzt und weist sie irritiert zurück. Hippolytos, der nie zuvor geliebt hat, liebt eine andere Frau – verbotenerweise, denn diese Frau, Prinzessin Arikia, ist eine Staatsgefangene, eine Todfeindin seines Vaters. Ihr will er den Thron – historisch begründet, so behauptet er – überlassen.

Da kommt die überraschende Nachricht: Theseus lebt! Doch nicht Jubel empfängt ihn, sondern Erschrecken und Verstummen. Vieles ist im Palast in der Annahme seines Todes geschehen, was ihm verborgen werden soll. Was sich ihm zeigt, sind Intrige, falsche Verdächtigungen, es überkommt ihn unbändiger Zorn... das Unglück ist nicht mehr aufzuhalten.

Und Theseus spricht: „Ich hatte zu Phädra unbegrenztes Vertrauen. Ich hatte sie von Monat zu Monat an Anmut zunehmen sehen. Sie atmete nur Tugend. Da ich sie dem verderblichen Einfluss ihrer Familie so jung entzogen hatte, ahnte ich nicht, dass sie deren Gährungsstoffe alle mit sich nahm. Offenbar hatte sie viel von ihrer Mutter, und als sie später zur Entschuldigung anführte, sie sei unverantwortlich und vorbestimmt, musste man zugeben, dass daran etwas Wahres war. (. . .) Der Sohn, den ich von der Amazone gehabt hatte, und den ich vor allen anderen liebte, betete die Jägerin Artemis an. Er war keusch wie sie; so keusch wie ich in seinem Alter zuchtlos gewesen war. Er durchstreifte Wald und Forst, nackt unter dem Mond; mied den Hof, die Feste, vor allem die Gesellschaft der Frauen, und gefiel sich nur unter seinen Spürhunden, mit denen er die Flucht des Wildes bis auf Berggipfel und in geschützte Täler verfolgte. Oft ritt er auch störrische Pferde zu und ließ sie auf dem sandigen Strand laufen, um mit ihnen ins Meer zu stürzen.

Wie liebte ich ihn so! Schön, stolz, widerspenstig; nicht etwa gegen mich, den er verehrte, noch gegen die Gesetze; wohl aber gegen die Konventionen, die die Bejahungen einschränken und die männliche Tapferkeit ermüden. Ihn wollte ich zum Erben. Ich würde ruhig einschlafen können, wenn ich die Zügel des Staates in seine reinen Hände gelegt hätte; denn für Drohungen wie für Schmeichelei war er unzugänglich, das wußte ich.

Daß Phädra sich in ihn verlieben könnte, auf diesen Gedanken kam ich erst, als es zu spät war. Ich hätte es ahnen sollen, denn er war mir ähnlich; ich will sagen ähnlich dem, der ich in seinen Jahren war. Nun fing ich schon an zu altern, und Phädra blieb ungewöhnlich jung. Sie liebte mich vielleicht noch, aber wie man einen Vater liebt. Ein solcher Altersunterschied zwischen Gatten ist nicht gut, das sollte ich zu meinem Schaden erfahren. Was ich Phädra nicht verzeihen kann, ist denn auch nicht diese Leidenschaft, die schließlich ziemlich natürlich war, obwohl sie den Inzest streifte – sondern daß sie einsah, sie würde ihr nicht fröhnen können, und nun meinen Hippolytos verleumdete, dem sie die unreine Flamme zuschrieb, die sie selbst verzehrte. Als Vater verblendet, als Gatte allzu vertrauensselig, glaubte ich ihr. Ausgerechnet dieses eine Mal verließ ich mich auf die Beteuerung einer Frau! Auf meinen unschuldigen Sohn rief ich die Rache des Gottes herab. Und mein Gebet wurde erhört! Wenn die Menschen sich an die Götter wenden, wissen sie nicht, daß die Götter sie meist zu ihrem Unglück erhören (...)“

aus: Andre Gide „Theseus“, Übersetzung: Ernst Robert Curtius

"Corinna Kirchhoffs Triumph." F.A.Z.

"Corinna Kirchhoff, jeder Zoll eine souveräne Bühnenkönigin. Nur die Allergrößten leiden so herrlich." Theater Heute

Die Veröffentlichung ausführlicher Kritiken über die Aufführungen wird von Seiten der Zeitungsverlage nicht mehr stillschweigend geduldet und ist honorarpflichtig.


Für die freundliche Unterstützung danken wir:


    

         

mit
Corinna Kirchhoff, Wolfgang Michael, Susanne Barth, Jakob Diehl, Meriam Abbas, Robert Gallinowski, Anika Mauer
Regie Torsten Fischer
Bühne Torsten Fischer
Kostüme Jessica Karge

Spieldauer ca. 1 Stunde und 50 Minuten, keine Pause

GÄSTEBUCH
Foto: B. Braun/ drama-berlin.de

Foto: B. Braun/ drama-berlin.de

Foto: B. Braun/ drama-berlin.de

Foto: B. Braun/ drama-berlin.de

Foto: B. Braun/ drama-berlin.de



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